Kampfsportlerinnen Frau gegen Frau

Kampfsportlerinnen sind noch immer eine Seltenheit. Der Fotograf Vitali Gelwich hat sie in ganz Europa besucht. Von
ZEITmagazin Nr. 27/2018

Es gibt das Klischee von der keifenden Frau, der zickigen Diva, der wütenden Furie. Die kämpfende Frau aber ist ein seltenes Phänomen. Nichts scheint Männlichkeit so sehr zu verkörpern wie der Kampf, dieser Siegeszug von Kraft, Willen und Angriff. Kein Wunder, dass sich in so vielen Filmen männliche Helden durch die Handlung schlagen, während die weibliche Nebenfigur beim ersten Blutspritzer in Ohnmacht fällt.

Gut, dass die Realität oft weiter ist als die Vorstellungskraft.

Moritz Grub, Kreativchef von der Agentur Amsterdam Berlin, hat zusammen mit dem Fotografen Vitali Gelwich zehn Kämpferinnen in Deutschland, England, Spanien und Rumänien zu Hause besucht. Ihre Reihe "Girls Fight" zeigt sechs Frauen aus ganz Europa, die sich im Boxen, Wrestling, Thai-Boxen und den Mixed Martial Arts nach oben gekämpft haben. Die Frauen haben die vorderen Plätze von Landes-, Europa- und Weltmeisterschaften erobert und führen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen dennoch ein Schattendasein. Der Gender-Pay-Gap, der sich quer durch die Wirtschaft und quer durch den Sport zieht, ist im Kampfsport besonders ausgeprägt. Man sieht es an den Superstars: Während die Boxlegende Floyd Mayweather vergangenes Jahr damit prahlte, für seinen Jahrhundertkampf gegen Conor McGregor 300 Millionen Dollar bekommen zu haben, verdiente die Starboxerin Christy Martin in ihren besten Zeiten maximal 200.000 Dollar pro Kampf.

Für die abgebildeten Profikämpferinnen liegen solche Summen in unerreichbarer Ferne. Ihre Preisgelder sind so niedrig, dass sie einen Nebenjob erledigen müssen, um sich und ihre Familien zu finanzieren. Die meisten arbeiten als Trainerinnen, andere kellnern im Restaurant oder stehen an der Kasse im Supermarkt. Einige leben bei ihren Eltern, andere in winzigen Wohnungen. Sie sind Meisterinnen im Überleben, Champions am Rande des Prekariats. Haben sie Kinder, kommt das Problem der Betreuung hinzu: Wer passt auf die Kleinen auf, wenn die Mutter trainiert oder arbeitet?

"Sie funktionieren nur, weil sie eine unglaubliche Willenskraft haben", sagt Moritz Grub, der Kreativchef. Vorgefunden haben er und Fotograf Gelwich einen Alltag, der nach dem Rhythmus des Kampfsports getaktet ist. Fünf Stunden Training täglich sind vor einem Wettkampf normal. Gegessen wird strategisch, je nach Gewichtsklasse, je nach Gegner. Grub erzählt von Zwillingsschwestern, die im Training jahrelang gegeneinander antreten mussten und später diametrale Diäten machten: Eine nahm zu, die andere ab. Sie wollten sich nicht mehr bekämpfen, also mussten sie unterschiedlich viel wiegen.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die meisten Kämpferinnen aus Familien stammen, in denen andere ebenfalls kämpfen. Oft sind ihre Partner (und Partnerinnen) auch Kampfsportler oder Trainer. Eine Familie hat im Garten ein kleines Fitnessstudio, in dem die Eltern die Kinder trainieren. Ein Leben zwischen Sieg, Niederlage und Verletzungen. Und einer tiefen Liebe für den Kampf.

Iman Barlow ist fast 25 Jahre alt und hat mehr als 100 Kämpfe im Kickboxen gewonnen. Im Video erzählt sie, was sie bis zum Ende ihrer Karriere erreichen will.

Beobachtet man die Frauen im Ring, fällt einem auf, wie schnell sie sind. Wie präzise sie ihre Schläge setzen, wie viele Emotionen in ihren Auftritten stecken. "Technisch sind die Frauen oft besser als die Männer", sagt Grub.

Gerade jetzt, in dieser Zeit der autoritären Herrscher und möchtegernstarken Typen, tut es ganz gut, sich dieses Bild vor Augen zu führen: Es gibt Frauen, die gehen keinem Kampf aus dem Weg. Wen diese Vorstellung umhaut, der muss härter an sich arbeiten. Die nächste Runde kommt bestimmt.


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