Verabredungen "Da kann ich leider nicht"

© Aline Zalko
Von Tillmann Prüfer
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 27/2018

Ich unternehme gerne etwas mit meinen Kindern. Ich möchte auf keinen Fall, dass meine Kinder ihre Eltern als dauergestresste Leute in Erinnerung haben, die ständig nur in ihre Laptops oder Smartphones schauen. In Elternmagazinen sehe ich Familien, die ganz viel zusammen unternehmen. Sie packen alles in ihren VW-Bus und fahren dann ein Wochenende ans Meer. Alle lachen ganz viel. Ich lache beim Packen nie und bin eher angespannt und nervös. Wir haben auch keinen VW-Bus, und wenn wir ihn hätten, könnte ich ihn nicht fahren, weil ich viel zu viel Angst am Steuer hätte.

Aber man kann ja auch mit der S-Bahn zum See: Ich rufe also: "Kinder, packt die Schwimmsachen ein, morgen fahren wir an den See." Und Greta antwortet: "Danke, aber morgen ist schlecht, da kann ich nicht." Dabei hat sie genau denselben freundlich-unverbindlichen Ton, den ich anschlage, wenn ich berufliche Einladungen abmoderiere. Ich frage nach Gründen, verhandle. "Da hab ich mich schon verabredet", sagt Greta. "Dann nimm deine Freundin mit!" – "Papa, wir haben uns ZU ZWEIT verabredet." Wohlgemerkt, ich plane nichts Anstrengendes. Keine Gebirgstouren, keine Besuche von Bonsai-Ausstellungen. Wir gehen nicht Müll sammeln im Park. Ich will Plitschplatsch-Kinderspaß mit Pommes und Eis. Greta hätte auch gar nichts dagegen. Sie mag See, Eis und manchmal sogar Pommes. Aber damit komme ich leider zu spät. Denn Greta ist längst verplant. Ich hätte den Ausflug eben früher anmelden müssen. Sorry, nächstes Mal wieder.

Natürlich könnte ich sagen, dass wir verdammt noch mal an den See fahren. Denn ich bin ja der Bestimmer. Ich habe zusammen mit meiner Frau gewissermaßen die Richtlinienkompetenz. Ich bin sozusagen die Angela Merkel des Haushaltes. Ich könnte meine Tochter dazu zwingen, mit mir an den See zu fahren, Eis zu essen und Herrgott noch mal Spaß zu haben.

Allerdings: Würde ich Greta an den See nötigen, würde ich sie tatsächlich um die wenige Zeit bringen, die sie mit ihren Freundinnen hat. Greta hat nämlich tatsächlich nicht viel Zeit. Die Schule geht bis in den Nachmittag hinein, dann geht sie Hip-Hop tanzen, dann in die Klavierstunde, und dann gibt es natürlich auch immer Hausaufgaben und ständig eine Klassenarbeit, für die man lernen muss. Und dann sind da noch die Eltern, die etwas unternehmen wollen.

Ich habe meine Kindheit ganz anders in Erinnerung. Vor allen erinnere ich mich an Langeweile. An leere Nachmittage. An Stunden um Stunden, in denen ich herumlümmelte. Die Zeit floss so langsam dahin wie die Wolga. Natürlich kamen meine Eltern auch immer wieder und verpflichteten mich zu Nachmittagsprogrammen am Wochenende, gegen die ich mich genauso stemmte wie meine Tochter heute. Aber ich hatte gar nichts anderes zu tun. Ich rebellierte aus Langeweile. A rebel without a cause.

Ich bin dann mit Gretas vierjähriger Schwester Juli an den See gefahren. Sie ist das einzige Familienmitglied, das zuverlässig Termine frei hat und immer Hunger auf Eis. Greta werde ich ein paar Terminvorschläge für den Sommer machen. Neulich kam mir mein altes Zeugnis für die fünfte Klasse unter. Da sah ich, dass ich – gemessen an meinen Zensuren – damals eigentlich doch eine Menge zu tun gehabt hätte.

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