Aglaia Szyszkowitz "Ich träume davon, in einem alten Bus durch Osteuropa zu fahren und Straßenmusik zu machen"

© Lorraine Hellwig
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 28/2018

Ich träume davon, in einem großen alten Bus durch Osteuropa zu fahren und dort Straßenmusik zu machen. Ich möchte die Dörfer in Ungarn, Bulgarien und Rumänien besuchen, am Dorfplatz aussteigen und mit meiner Band spielen – mit guten Musikern, die Instrumente wie Geige, Akkordeon, Klarinette und Kontrabass dabeihaben. Wir würden Lieder aus unserer Heimat spielen und die Zuhörer bitten, uns ein paar ihrer Lieder vorzustellen. Dann würden wir steirischen Weißwein, Speck, Käferbohnen und Kernöl auspacken, davon kann man sich wunderbar über Wochen ernähren. Wir würden uns zum Essen und Trinken zusammensetzen, mit allen, die Lust darauf haben. Zu später Stunde würden wir weitermusizieren.

Musik verbindet weltweit und lässt die Sprache nebensächlich werden. Das liebe ich so an ihr. Und ich war immer schon fasziniert vom Zusammenspiel in der Musik, denn in der Schauspielerei ist das sehr viel schwerer herzustellen: das gemeinsame Spiel, von einzelnen Soli unterbrochen, die feine Verständigung über Blicke oder ein leichtes Nicken, wenn der Kontrabassist seinen Einsatz hat. Das Einander-Zuhören. Die sichtbare Freude am Können des anderen. Und dann der Moment des gemeinsamen Wiedereinstiegs – ich könnte das ewig beobachten. Unser Beruf ist oft einsam, wir Schauspieler sind Einzelkämpfer. Das Gefühl, als Teil einer Band gemeinsam unterwegs zu sein: Das ist mein großer Traum.

Als junges Mädchen dachte ich, dass die Medizin mein Traumberuf sei. Mein Vater war Unfallchirurg, und mich hat die Leidenschaft fasziniert, mit der er seinen Beruf ausgeübt hat. Doch dann fing ich mit dem Studium an und bekam im ersten Semester ein neunjähriges Mädchen zur Betreuung, das an Leukämie erkrankt war. Es ist nach einigen Monaten gestorben, was mich sehr getroffen hat. Dadurch wurde mir bewusst, dass mir die Fähigkeit fehlt, auf professionelle Distanz zu gehen, was man in diesem Beruf aber dringend braucht.

Die Fähigkeit, mich in andere hineinzuversetzen, konnte ich aber auch bei meinem anderen Berufstraum gut gebrauchen: der Schauspielerei. Schon als Kind habe ich oft heimlich vor dem Fernseher gesessen, mich haben vor allem historische Filme interessiert, in denen es um große Gefühle ging, Filme wie Doktor Schiwago und Vom Winde verweht. Auch ich wollte weite Kleider tragen und schmachtend in den Armen von Kerlen wie Clark Gable liegen. Gut, das hat irgendwie in meiner eigenen Karriere nicht so ganz hingehauen. Trotzdem ist für mich die Unmöglichkeit einer Liebe bis heute ein spannender Stoff, in jeglicher Hinsicht. Und: Ich lebe in diesem wunderbaren Beruf meinen Traum.

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