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Begrüßungsrituale Hallo?

Umarmen, Küsschen, Schulterklopfen, Händeschütteln? So viele Möglichkeiten, einander zu begrüßen – da kann man schon mal unsicher werden. Die Münchner Schriftstellerin Mercedes Lauenstein plädiert für weniger Lässigkeit beim Guten-Tag-Sagen. Und unsere Fotos zeigen weltweite Begrüßungsrituale. Von
ZEITmagazin Nr. 28/2018

Ich betrete das Büro einer Redakteurin, mit der ich einen meiner Texte besprechen will. Sie ist 20 Jahre älter als ich, aber wir duzen uns. Zur Begrüßung strecke ich ihr die Hand hin, sie nimmt sie, zieht leicht daran und kommt zugleich einen Schritt näher. Ist das der Auftakt einer Umarmung? Streift ihr Blick nicht meine rechte Wange? Wangenkusswahrscheinlichkeit 92 Prozent, Erstkontakt voraussichtlich rechts! Ich lasse ihre Hand los, aber nur um die Arme zu öffnen, und falle ergeben nach vorn, in die Sphäre fremder Körperwärme, rieche bereits diese Melange aus Waschmittel, Tagespflege und Haut, da tritt sie plötzlich zurück, und ich verstehe. Das war kein Auftakt zur Umarmung. Das war nur ein Wanken in meine Richtung. Sofort alles abbremsen. Ich ziehe meinen Körper zurück wie eine Schnecke ihre Fühler, doch da beugt nun sie sich in meine Richtung, um die verirrte Umarmung höflich aufzufangen. Nur bin jetzt ich schon wieder weg, und sie hängt allein in der Luft.

Willkommen im hölzernen Ballett der zeitgenössischen Begrüßung, das unzählige Varianten kennt. Und doch an Ort und Stelle niemals thematisiert wird. Zu banal das Ereignis, zu groß die Angst, durch das Draufrumreiten als zwanghaft zu gelten. Dabei wäre eine kurze Klärung vor allem im Hinblick auf die anstehende Verabschiedung hilfreich. Aber was soll man auch sagen? "Entschuldigen Sie, nur schnell wegen später, wie wollen wir es denn nun halten, Händedruck oder Umarmung, linksrum, rechtsrum? Küsschen? Wie viele? Rückenklopfer? Wie viele? Thema Augenkontakt, welche Intensität wäre genehm?"

Einige Sachen hat man als erwachsener Mensch nicht mehr zu besprechen, sondern zu beherrschen. Ich aber habe leider das Begrüßen nie ganz begriffen. Ich begreife es sogar immer weniger. Meine neueste Strategie, um Begrüßungsunfällen zu entfliehen, ist eine Art Krebsgang. Ich komme auf schwer lesbare, leicht seitwärts gewandte Weise auf die zu Begrüßenden zu, hebe mit dem ehrlichsten und herzlichsten Lächeln, das meine Mimik hergibt, unkoordiniert die Hand und lasse sie wackeln, bis sich die entsprechende Person aufgrund meiner nicht ganz zu-, aber auch nicht ganz abgewandten Körperhaltung damit abgefunden hat, dass hier weder Umarmung noch Handschlag folgen werden. Wenn das geklärt ist, werde ich wieder zum Menschen. Erst etwa eineinhalb Minuten vor der Verabschiedung verwandle ich mich erneut in eine Krabbe und bewege mich locker plaudernd Richtung Tür, sodass ich im Moment des Abschieds schon hoffnungslos weit weg stehe und wir uns mit einem heiteren Abschiedswinken begnügen können.

Dass heute aufgrund mangelnder Etikettenpflicht jeder jeden so begrüßen und verabschieden kann, wie er oder sie das für richtig hält, produziert nichts als ein russisches Roulette der Peinlichkeiten. Die einzig gültige Regel lautet: Hauptsache, lässig. Zu dumm, dass Lässigkeitsbefehle grundsätzlich ihr Gegenteil bewirken. Oft wünsche ich mich in Sachen Grußgesten zurück ins Kindesalter. Als Kind macht man es wie immer am besten. Man hat noch die Erlaubnis zum ganz normalen Hallo-Sagen. Man darf unkoordiniert winken, darf völlig Fremden in die Arme stürmen und sich von ihnen herumwirbeln lassen. Wem man hingegen nicht Hallo sagen will, dem sagt man auch nicht Hallo. Zwischen drei und dreizehn lernt man zwar verschiedene Winktechniken und Grußvokabeln, aber das Begrüßen und Verabschieden selbst bleibt unkompliziert. Bis die Pubertät folgt. Und mit ihr die ersten gruppenspezifischen Grußgesten. Wer damit eigentlich angefangen hat, lässt sich nie rekonstruieren. Aber irgendeine Freundin hat es getan, hat einen zum allerersten Mal an der Bushaltestelle umarmt statt nur die Hand gehoben. Das erste Mal dem "Ciao" einen Wangenkuss angehängt. Oder, als Zeichen besonderer Verschworenheit nach dem Lästern über fiese Typen, einen Mundkuss. Wann haben die Jungs das Fäuste-Aneinanderknallen entdeckt? Wann die High-Fives? War es ein Vater, der seinem Sohn gesagt hat: Kind, ab jetzt bei anderen Jungs nur noch halbe Umarmungen mit Rückenklopfern?

Und wie kommt es, dass ich nie einer Clique angehörte, in der man sich mit Küsschen-Küsschen begrüßte? In meinem Umfeld etablierte sich damals die freundschaftliche Umarmung als Gruppenstandard. Ich hatte sie bald schon für jeden übrig. Zwischen 16 und 23 war ich eine dermaßen überzeugte Umarmerin, dass nicht einmal der Mann hinter der Käsetheke davon verschont geblieben wäre, wenn nicht der Käse im Weg gewesen wäre. Händedruck? Seelenlos. Sollten Schuldirektoren machen. Nicht ich. Meine jugendlichen Umarmungen fand ich so lässig wie universal, ich war froh, endlich eine Form gefunden zu haben, mit der Welt in Kontakt zu treten. Man kann sich meinen Gesichtsausdruck bei diesen neu eingeübten Umarmungen ähnlich euphorisch vorstellen wie den der vierjährigen Prinzessin Charlotte von Cambridge, als sie kürzlich auf dem Weg ins Krankenhaus zu ihrem neugeborenen Bruder Louis der ganzen Welt zeigen durfte, wie royal sie schon winken kann.

Mittlerweile bin ich die ewigen Umarmungen leid. Sie fühlen sich nicht mehr richtig an. Schon allein, weil jede körperliche Geste zwischen zwei Menschen ein Symbol für den Intimitätsgrad ihrer Beziehung ist. Eine Umarmung bietet kaum Steigerungspotenzial. Und gleichzeitig verliert die Umarmung, wenn sie inflationär verteilt wird, ihren symbolischen Wert. Sie wird zu der hohlen Geste, die sie ursprünglich ersetzen sollte. Doch wie soll ich jemandem, den ich schon einige Male umarmt habe, die Umarmung wieder entziehen? Und was ist überhaupt die Alternative? Der Handschlag ist mir für die meisten Begegnungen zu kühl.

Und hier liegt das Problem: Zwischen Handschlag und Umarmung klafft ein begrüßungsritueller Graben, den es vor ein paar Jahrzehnten vermutlich noch nicht gab. Reihenweise fallen Begrüßungen in diesen Graben hinein und arten zu slapstickhaften Missgeschicken aus, weil hier die Etikette fehlt. Es fehlt in diesem Graben an einem Kompromiss zwischen Handschlag und Umarmung. An einer Geste, die den zeitgenössischen Temperaturen des Miteinanders gerecht wird.

Es ist doch auch kein Zufall, dass sich dieser Tage gefühlt jeder zweite erwachsene Mensch als socially awkward, sozial ungeschickt, bezeichnet. Seit Jahren wird nun schon mit diesem Begriff kokettiert: in Fernsehserien, auf Blogs, in GIFs, in Memes, auf YouTube und auf Instagram. Gemeint ist die Unfähigkeit, Small Talk zu betreiben, angemessen zu grüßen, fremde Menschen einander charmant vorzustellen. Die Selbstdiagnose der social awkwardness zeugt selten von einer tatsächlich pathologischen Störung, sondern vielmehr von dem Unwillen, sich uralten sozialen Codes zu beugen. So ist es jedenfalls bei mir. Ich bin mir aufgrund meiner antiautoritären Erziehung und meines die social awkwardness kultivierenden Umfelds zu sehr bewusst, wie sympathisch diese Tollpatschigkeit erscheint, um sie zu überwinden. Ein US-amerikanischer Psychologe und Autor namens Ty Tashiro hat ein ganzes Buch zum Thema geschrieben: Awkward. The Science of Why We’re Socially Awkward and Why That’s Awesome. Wer zugibt, dass er mit den alltäglichsten gesellschaftlichen Erwartungen nicht klarkommt, ist jedem sofort sympathisch. Wir kämpfen doch alle. Das Leben ist ein Rätsel, und Schwäche macht Freunde. Wenn man mit diesem Eingeständnis und ein paar Lachern durchkommt, warum dann noch gesellschaftliche Wendigkeit anstreben?

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