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Friedrich Schorlemmer "Ich war von 120 Schülern der Einzige, der kein FDJ-Blauhemd trug"

Als Pfarrerssohn war Friedrich Schorlemmer zu DDR-Zeiten in der Schule ein Außenseiter. Nur einer hielt zu ihm. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 28/2018

ZEITmagazin: Herr Schorlemmer, bis zum Mauerfall haben Sie in der DDR gelebt, Sie waren einer der Köpfe der Friedensbewegung. Was waren Ihre Momente der Angst?

Friedrich Schorlemmer: Die hatten nichts mit Politik zu tun. Am 15. März 1957 bin ich beim Taubenfangen im Kirchturm von Werben an der Elbe zwanzig Meter tief gefallen, dicht neben die eisernen Gewichte der Kirchturmuhr auf einen Holzboden. Ich hatte aber nur eine Gehirnerschütterung. Der katholische Pfarrer aus der Kreisstadt besuchte uns, um das Kind zu sehen, das den Sturz überlebt hatte, und rief: Es gibt eben doch Engel!

ZEITmagazin: Warum waren Sie in dem Turm?

Schorlemmer: Ich wollte Tauben fangen fürs Mittagessen. Als eine aufflatterte, zog ich mich am Balken hoch, und beim Runterspringen gab eine Bohle nach. Ich habe bis heute ein Falltrauma. Im Schwimmbad vom Zehnmeterturm zu springen: unmöglich.

ZEITmagazin: Als Pfarrer sind Sie von Berufs wegen Retter für Menschen in Seelennot. Wer hilft eigentlich Ihnen, wenn Sie in Not sind?

Schorlemmer: Vor Angst und Bedrängnis ist auch ein Pfarrer nicht gefeit, aber ich hatte immer Freunde, mit denen ich zusammen lernte, wie man getrost und widerständig lebt. Auch Freunde, die etwas riskierten, wenn sie mit mir Kontakt hielten. Der erste war mein Schulfreund Uwe, dem untersagt wurde, in der Pause mit mir zu reden. Ich war als Pfarrerssohn auf einer DDR-Mittelschule in der Altmark und durfte kein Abitur machen, außerdem war ich von 120 Schülern der Einzige, der kein FDJ-Blauhemd trug. Uwe aus der Oberschulklasse hielt trotzdem zu mir. Wir lasen Kleist und Schiller und redeten uns die Köpfe heiß. Die Literatur half uns, die Welt und uns selber besser zu verstehen – und mutig zu sein.

ZEITmagazin: Später waren Sie ein engagierter Bürgerrechtler. Es wirkt, als hätte die DDR Sie dazu getrieben.

Schorlemmer: Vielleicht. Ich bekam damals einen älteren Mitschüler als Aufpasser, der drohte mir: Mach hier keine religiöse Propaganda! Da war ich 14 und er 17. Er traktierte mich mit der Kirchengeschichte, dass die Kirche Kriege gesegnet und den Bauernführer Thomas Münzer ermordet habe. In meiner Stasi-Akte stand dann, ich sei "feindlich negativ gesinnt" gewesen.

ZEITmagazin: Wie behandelten die Lehrer Sie?

Schorlemmer: Ein Neulehrer aus einer Familie, die von den Nazis verfolgt worden war, hat mich beeindruckt. Sein Unterricht war schwach, aber er fuhr mit uns Schülern nach Buchenwald, wo ich unter anderem die Zelle des Pfarrers Paul Schneider von der Bekennenden Kirche sah. Das Miteinander von Christen und Marxisten gegen die Nazis hat mich getröstet über die tiefe Erschütterung, die ich als Junge empfand, als ich begriff, was die Deutschen angerichtet hatten. Wütend macht mich noch heute, wenn der Westen den kommunistischen Widerstand und der Osten den bürgerlichen Widerstand kleinredet.

ZEITmagazin: Sie sind in der Kleinstadt Werben aufgewachsen, Ihr Vater war Landpfarrer. War das so beschaulich, wie es klingt?

Schorlemmer: Ja, aber auch abenteuerlich. Mein Vater hatte ein Motorrad mit erhöhtem Sozius, und wenn ich mitfuhr, schaute ich über ihn hinweg. Das war herrlich, bis wir eines Tages in einen Bienenschwarm hineinfuhren. Er rief: Mund zu! Aber zu spät. Wir rasten nach Hause, er drückte mit einem Löffel meine Zunge runter und suchte nach einem Stachel im Mund. Er fürchtete, alles würde zuschwellen. Also holte er sein Skalpell, das er als Sanitäter im Krieg benutzt hatte, und stellte sich vor mich hin, bereit für einen Luftröhrenschnitt.

ZEITmagazin: Ihr Vater blieb äußerlich ruhig?

Schorlemmer: Ja, er hatte als Sani an der Ostfront Schlimmeres erlebt. Das meiste davon begrub er allerdings in sich. Es gibt auch ein Schweigen, um weiterleben zu können – und damit meine ich nicht das Schweigen der Täter. Der Schnitt war dann übrigens nicht nötig.

ZEITmagazin: Worüber schwiegen Sie selbst?

Schorlemmer: Dass mein kleiner Sohn 1974 beinahe in der Saale ertrunken wäre. Er saß im Kinderwagen, und meine Tochter, die vier war, warf Steinchen in den Fluss. Ich ließ den Wagen kurz stehen, um sie festzuhalten, da beugte sich der Junge vor, und der Wagen rasselte die Böschung hinab. Ich stürzte hinterher und versank bis an die Hüfte im Schlamm, bekam den Wagen knapp zu fassen und zerrte das Kind an mich. Dann bin ich mit ihm und der Tochter auf den Schultern heimgerannt. Ein Ehepaar aus unserem Haus half mir, den Kleinen zu baden und warm einzuwickeln. Ich hatte unglaubliche Angst um ihn, aber meiner Frau erzählte ich nichts, weil ich fürchtete, sie würde mir mangelnde Umsicht vorwerfen. Meine Tochter und ich haben das Geheimnis jahrzehntelang bewahrt.

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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