Harald Martenstein Über eine Kindheitserinnerung

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 28/2018

Damals standen manchmal Studenten vor dem Gymnasium, die Flugblätter verteilten und Werbung machten für die Revolution. Mein Vater hielt von der Revolution gar nichts. Er war für den Jazz, der Jazz war seine Partei, der er sich schon während des Krieges angeschlossen hatte. Er unterschied sich von den anderen Vätern, die fast alle ebenfalls nichts hielten von der Revolution. Er war cooler.

Manchmal übte er zu Hause auf seinem Kontrabass, ein tiefes Blubbern, Töne wie aus der Tiefsee. Manchmal trank er Whisky und hörte Platten von Dizzy Gillespie. Seine Band war nach dem Krieg ziemlich angesagt gewesen, sie machten Ami-Musik. Er sang gut, ein Show-Typ, dem die Herzen zuflogen. Ein bisschen was von dieser Aura hatte er sich bewahrt, obwohl er inzwischen bei Opel arbeitete. Er war noch nicht alt, als ich ihn wirklich kennenlernte, um die vierzig. Einer der Leute, die er von früher kannte, war der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch. Die meisten älteren Schüler mochten Hüsch nicht, es hieß, er sei zu weich, ein Bürgerlicher.

Eines Tages nahm mein Vater mich mit ins Unterhaus. Das Mainzer Unterhaus befand sich in einem Keller, es roch ein bisschen modrig. Ich war noch nie abends in einer Veranstaltung gewesen, "ausgegangen", so nannte man das damals. Ich war nur nachmittags im Haus der Jugend gewesen. Da spielten Bands, deren Mitglieder kaum älter waren als ich.

Es war voll und dunkel, vorne, in einem kleinen Lichtkegel, saß Hüsch. Vor ihm stand eine kleine Orgel, auf der er hin und wieder ein paar Tasten drückte. Es klang wie in der Kirche. Manchmal redete er. Manchmal verfiel er, parallel zu seiner sonderbaren Musik, in eine Art Sprechgesang. Die politischen Anspielungen verstand ich nur zum Teil. Meistens erzählte Hüsch Geschichten, in denen seine Frau auftauchte, die er "Frieda" nannte und die immer recht hatte, vielleicht kam auch ein Mensch vor, der "Hagenbuch" hieß, aber das kann ein späteres Programm gewesen sein. Hüsch war anders als die Bands, die ich kannte, und anders als die politischen Gruppen, zu deren Versammlungen für Schüler ich schon drei-, viermal gegangen war. Er wirkte fast ein bisschen traurig, irgendwie war er traurig und lustig zugleich. Die Bands nahmen immer eine Pose ein, rebellisch, wütend, großspurig. Hüsch schien sich nicht groß zu verstellen. Er machte sich nicht toller, als er war, obwohl seine Geschichten den Leuten gefielen, sie klatschten und forderten Zugaben. Viele Dinge passten ihm nicht, das ging aus seinen Geschichten klar hervor, aber an die Revolution schien er genauso wenig zu glauben wie mein Vater. Er beobachtete die Menschen und machte sich ein paar Gedanken, mehr war es eigentlich nicht. Ich merkte, dass ich ihn mochte, sogar wenn er mir altväterlich oder kitschig vorkam. Die sentimentalen Nummern fand ich eher langweilig. Aber ich verstand, dass sie notwendig waren, dabei sammelte er Kraft für die nächste lustige Nummer.

Es wurde sehr spät. Mein Vater wollte Hüsch noch Guten Tag sagen, aber er kam nicht zu ihm durch. Hüsch war in seiner Garderobe, er war erschöpft. Draußen schien bestimmt der Mond, bestimmt sah man den Dom. An diesem Abend, erinnere ich mich, fasste ich ihn zum letzten Mal an der Hand wie ein Kind, und er führte mich zu seinem Opel. Er erzählte, ich hörte zu. Wenn es doch bloß nicht so spät wäre, dachte ich, sonst würde er zu Hause bestimmt noch auf seinem Bass spielen. Ich war vierzehn.

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