Die großen Fragen der Liebe: Zieht sie sich schamlos an?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 28/2018

Die Frage: Thomas und Ayzit studieren noch, er Betriebswirtschaft, sie Kommunikationswissenschaften. Sie haben sich beim Skifahren kennengelernt, auf Anhieb gut verstanden und planen, eine gemeinsame Wohnung zu suchen. Nun ist es Sommer, und Thomas scheint sich plötzlich weniger zu freuen, wenn er Ayzit sieht. Sie meint zu beobachten, dass er dann den Kopf schüttelt und zu Boden blickt – dabei hat sie sich besonders hübsch gemacht. Endlich rückt er damit heraus, dass er Ayzits Neigung, viel Bein und einen tiefen Ausschnitt zu zeigen, schamlos findet. Sie hat doch ihn – muss sie da noch möglichst viele Blicke anderer Typen einsammeln? "Ich tue das nicht für Männer", sagt Ayzit ärgerlich, "sondern für mich! Ich will mich schön finden und wohlfühlen!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Die Erotik ist ein Mosaik aus vielen bunten Splittern. Die Zeigelust hat vielleicht den schlechtesten Ruf. Seit jeher wird sie gesellschaftlich intensiv reguliert. Wenn Thomas mit Ayzit in einem öffentlichen Park spazieren geht, kann es gut sein, dass er auf von Kopf bis Fuß schwarz verschleierte Frauen neben einem Mann in Jeans und T-Shirt trifft. Solche kulturellen Regelungen ersparen es Mann und Frau, eine individuelle Lösung zu finden, wie sie dem modernen Liebesmodell entspricht. In ihm wird nicht von oben nach unten argumentiert, sondern auf Augenhöhe. Thomas kann über seine Ängste vor zu viel Konkurrenz sprechen, aber er sollte Urteile und Unterstellungen vermeiden. Noch klüger wäre es, wenn er sich mit Ayzit über die bewundernden Blicke freuen könnte, die sie treffen und wärmen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag)

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