Smartphones "Lachender Smiley" – "Küsschen-Smiley" – "Kotzender Smiley"

© Aline Zalko
Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 28/2018

Auf Lottas Smartphone ist nun eine Software, die die Nutzungsdauer begrenzt. Ich hatte es kommen sehen: Lotta war die Letzte in ihrer Klasse, die ein Smartphone bekam. Kurz bevor die Leute in unserem Umfeld wohl vermutet hätten, etwas Religiöses müsse schuld daran sein, dass unsere Tochter noch kein Smartphone hatte. Bis dahin hatte Lotta ein altes Tastenhandy. Meistens verbarg es Lotta, denn sie meinte, kein Handy zu haben sei besser als ein Tastenhandy, und war damit nicht zu erreichen. Das Handy war ihr peinlich. Als sie dann doch ihr Smartphone bekam, war sie so glücklich, als hätte man ihr gerade die Bürgerrechte zugesprochen. Endlich würde sie Musik auf Spotify hören können und in den WhatsApp-Gruppen ihrer Freundinnen mitchatten. Ich weiß ziemlich genau, warum meine Frau und ich unserer Tochter so lange das Smartphone vorenthalten haben. Kein Kind braucht so ein Ding – bis es eines hat. Wenn ein Smartphone erst einmal da ist, wird es zum Mittelpunkt des Lebens. Allein WhatsApp produziert Hunderte Nachrichten in der Woche. Die Äußerungen, die Lotta dort abgibt, sind etwa: "Hi!" – "Lachender Smiley" – "Küsschen-Smiley" – "Kotzender Smiley". Das kann Stunden verschlingen. Und immer dann, wenn es nichts zu chatten gibt, dann gibt es garantiert ein YouTube-Video oder einen Musical.ly-Clip zu kommentieren. Wer die Hausaufgaben vergessen hat, fragt im Klassenchat nach.

Wenn ich mit anderen Eltern über Smartphones diskutiere, höre ich Argumente dafür und dagegen. Es gibt Studien, die besagen, dass Kinder, deren Eltern keine Beschränkungen im Umgang mit Medien auferlegt haben, später beruflich erfolgreicher sind. Andere Studien wollen herausgefunden haben, dass Kinder wegen der Smartphones heute eher zu Depressionen neigen und sich seltener mit Freunden treffen. Ich denke, man sollte da nicht auf die Wissenschaft hören, sondern nur auf seinen eigenen Bauch. Und der grummelt, wenn Lotta mir morgens auf mein "Guten Morgen" mit "Hä?" antwortet, weil sie die Kopfhörer schon im Ohr hat. Ich weiß, dass das nicht gerecht ist. Schließlich hat Lotta Eltern, die selbst ständig Smartphones benutzen. Wenn ich ohne das Ding aus dem Haus gehe, fühle ich mich unwohl, als hätte ich meine Hose vergessen. Als fände die Welt ohne mich statt. Als würde die Menschheit nun durchdrehen, weil sie mich nicht erreichen kann. Ich weiß, dass das Quatsch ist. Ich sollte ein besseres Vorbild sein, stattdessen suche ich die Lösung in einer App. Das Programm sperrt nach eineinhalb Stunden alle Apps. Und ich bekomme nun immer auf meinem Handy gemeldet, wenn Lotta ihr Handy benutzt.

Ich wache vorbildhaft über die sogenannte Screentime meiner Tochter. Ich überprüfe jetzt alle paar Minuten, ob Lotta gerade ihr Handy nutzt. Aber laut der App nutzt sie es meistens gar nicht. Häufig kommt sie nicht einmal auf 30 Minuten am Tag. Lotta meint, sie chatte eben gar nicht so viel. Manchmal starre ich wie eine Katze auf mein Smartphone, darauf wartend, dass Lotta endlich ihr Handy benutzt. Einmal habe ich sie sogar angerufen: "Lotta, nutzt du gerade wirklich nicht dein Handy?" – "Papa, du rufst mich doch gerade darauf an!" Es macht mich völlig fertig.

Leider kann ich mit dieser App noch nicht meine eigene Screentime begrenzen. Das bräuchte ich dringend.

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren