Tennis Das Wesentliche im Blick

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 28/2018

Warum spielen Menschen Tennis? Vielleicht, weil es sie an Zeiten erinnert, zu denen Sport noch nicht als lebensverlängernde Maßnahme verstanden wurde. Menschen gehen heute in Sportstudios, um sich unter Strom zu setzen, damit ihre Muskeln effektiver aufgebaut werden. Sie trainieren im CrossFit-Gym, wo sie im Wechsel rennen, turnen und Gewichte stemmen – alles nur, um fit zu bleiben. Hinzu kommt eine bewusste Ernährung der Gesundheit wegen. Bei all der Anstrengung erwartet man die Belohnung für das Gesundsein nicht im Hier und Jetzt, sondern in einer fernen Zukunft. Nämlich dann, wenn man als 70-Jähriger aussieht wie ein 40-Jähriger. Wirkliche Sportler sind dann schon längst Wracks. Denn Sport hat wenig mit Gesundheit zu tun, sondern eher damit, sich des Wettstreits wegen hinzurichten. Auch beim Tennis geht es um das Gewinnen und nicht ums Schönsein.

Tennis wurde vermutlich in den Klöstern des Hochmittelalters erfunden und bald vom Adel gepflegt. Das Ballschlagen war eine Form der sportlichen Auseinandersetzung, die weit weniger blutig und verletzungsintensiv war als die üblichen Ritterspiele. Und es hob sich ab von den Wettkämpfen des einfachen Volkes, die oft mit üblen Schlägereien einhergingen.

Der Wettkampfcharakter prägt das Tennis bis heute. Man tritt nicht hie und da mal zu einer Leistungsprobe an, wie etwa beim Laufen, sondern ist im ständigen Wettstreit begriffen. Dazu ist Tennis ein ausgesprochener Freizeitsport. Man verabredet sich zum Tennis, man nimmt sich Zeit – und die muss man erst einmal haben. Wer Tennis spielt, hat Besseres zu tun, als zu arbeiten. Und wer im Tennis-Look ins Büro kommt, sagt ungefähr: Ich war gerade dabei, mich warm zu spielen, als dann tatsächlich jemand anrief und ich merkte, dass ich heute mal wieder unverzichtbar bin. Bringen wir es hinter uns.

Die Herausforderungen des Arbeitslebens hat der Tennisspieler längst hinter sich. Er arbeitet höchstens noch aus Langweile. Wer im Alltag in Tenniskleidung unterwegs ist, der weiß, wo die wirklichen Herausforderungen liegen. Deshalb ist der Tennis-Look in der Mode umso besser, je authentischer er wirkt. Der Fotograf Juergen Teller hat dieses Prinzip perfektioniert, indem er so gut wie überall nur in kurzer Sporthose aufkreuzt.

Jetzt ist der Visor zurück, der Tennis-Sonnenschutz der Achtzigerjahre. Man kann ihn auch tragen, wenn die Sonne nicht tief über dem Platz steht, und hat das Wesentliche im Blick. In den Sommerschauen sah man ihn bei Dior, Fenty x Puma und Miu Miu. Also gleich einen besorgen – und dann schnell auf den Court!

Foto: Peter Langer / Nicht nur auf dem Court nützlich: Visor von Tommy Hilfiger

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Mönche sollen das Tennis erfunden haben?! Ich weiß, lieber Kolumnist, das steht so bei Wikipedia (s. Sporthistoriker H. Gillmeister). Stimmt aber dennoch nicht ... schuld daran ist ein rheinischer Zisterzienser Caesarius von Heisterbach, der - typisch Rheinländer! - ein Verzellchen nach dem anderen in seinem "Dialogus magnus visionum atque miraculorum" (um 1220) verzapft hat. Im Falle des angeblichen Proto-Tennis bezieht sich der Autor (c. I,10) auf Gewährsmann Abt Hermann von Marienstatt, dieser wiederum auf Abt Peter I. von Morimond (+ 1193), der als junger Kleriker tot auf der Bahre gelegen und folgendes erfahren haben will: "Indessen nahmen Dämonen die Seele und trugen sie nach einem tiefen, schrecklichen, Schwefeldämpfe aushauchenden Tal. Sie ordneten sich zu dessen beiden Seiten, und die auf der einen Seite standen, fingen an, die arme Seele wie beim Ballspiel zu werfen; die an der anderen Seite fingen sie auf. Sie hatten aber so scharfe Krallen, daß sie spitze Nadeln und jede Eisenschärfe unendlich übertrafen" (Übs. H. Herles, 1992). Ein Himmelsinsasse erbarmte sich und verscheuchte die Dämonen; die Seele kehrte zu den Lebenden zurück, Peter stand wieder auf und vertrieb die "Schüler" an seiner Bahre. Erst danach(!) trat er in den Mönchsstand ein. Das besagte Ballspiel war sehr beliebt an Domschulen (wie Reims) - es war eindeutig ein Rückschlagspiel unter Mannschaften und wurde mit bloßen Händen ausgeübt, war also dem heutigen Volleyball ähnlich - ohne Visoren.