© Janik Sandbothe

Esther Duflo "Die Armen kämpfen mit den Widersprüchen des Lebens, wie wir"

Wo ist der Weg aus der Armut? Die Ökonomin Esther Duflo erforscht seit 20 Jahren in Entwicklungsländern, wie man jenen am besten hilft, die gar nichts haben. Sie findet verblüffende Antworten. Interview:
Aus der Serie: Stefan Kleins Wissenschaftsgespräche ZEITmagazin Nr. 29/2018

Zu oft ist das Gegenteil von gut nur gut gemeint. Der falsche Trost macht Leid noch schwerer erträglich. Und Entwicklungsgelder haben immer wieder bewirkt, dass in ärmeren Ländern Dörfer zerfielen und Brunnen versiegten, weil die wohlmeinenden Helfer nicht zugehört haben, was die Menschen vor Ort wirklich brauchen. Wie aber sieht Hilfe aus, die erreicht, was sie beabsichtigt?

Die Beantwortung dieser Frage hat sich Esther Duflo zur Lebensaufgabe gemacht. 1972 in Paris als Tochter eines berühmten Mathematikers und einer Ärztin geboren, verbindet sie in ihrer Arbeit die Logik des einen Berufs mit der Empathie des anderen. 

Duflo studierte Wirtschaftswissenschaften in Paris und am Bostoner Massachusetts Institute of Technology. Dort rief sie 2003 mit ihrem einstigen Doktorvater und heutigen Ehemann, Abhijit Banerjee, das Poverty Action Lab ins Leben, ein Institut, das mit inzwischen über 120 Wissenschaftlern Wege aus der Armut erforscht. Obwohl Duflo erst in der Mitte ihrer Karriere steht, wurden ihr schon die höchsten Preise verliehen. Vor einiger Zeit bekam sie auch einen Preis im Wissenschaftszentrum Berlin, wo wir uns trafen.

ZEITmagazin: Frau Duflo, sollte man Bettlern am Straßenrand etwas geben?

Esther Duflo: Ob man es sollte, weiß ich nicht. Ich tue es oft.

ZEITmagazin: Auch wenn Sie nicht wissen, ob Ihr Geld dem Empfänger hilft? Vielleicht ist er alkoholkrank und kauft sich Schnaps.

Duflo: Wenn ich ihm nichts gebe, hat er auch kein besseres Leben. Aber Sie haben schon recht: Es ist ein emotionaler Impuls. Ich mache es nicht für ihn, sondern für mich. Ich sage nicht, dass das gut ist. Irgendwie muss ich damit zurechtkommen, dass ich ein angenehmes Leben führe, er nicht.

ZEITmagazin: Als unsere Kinder im Sommer 2015 die Bilder der ankommenden Flüchtlinge sahen, bestürmten sie uns, eine Familie in unser Haus aufzunehmen. Sie waren sogar bereit, ihre Kinderzimmer zu räumen.

Duflo: Ich weiß nicht, ob es allen Menschen so geht. Ich jedenfalls hatte als Kind auch das starke Bedürfnis, etwas zu tun. Ich empfand eine Verantwortung, einfach weil ich in glücklichen Umständen und nicht in einer armen Familie in Afrika geboren war.

ZEITmagazin: Für ein Kind ist das ein recht abstrakter Gedanke. Wann hatten Sie ihn zum ersten Mal?

Duflo: Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals anders gedacht hätte. Meine Mutter war Ärztin. Im Urlaub reiste sie in Kriegsgebiete, um zu helfen. Wenn sie zurückkam, zeigte sie uns ihre Dias. Ich sah Kindersoldaten, die eine Kalaschnikow trugen. Wir redeten auch über Mutter Teresa. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Menschen in Kolkata so gedrängt leben, dass jeder nur einen Quadratmeter Platz hat. Ich muss neun gewesen sein. Ich fragte unser Au-pair-Mädchen, wie die Leute da schlafen. Sie erklärte mir, dass ein Quadratmeter nicht quadratisch sein muss und dass sich die Menschen in Kolkata auf einer Fläche von einem halben Meter mal zwei Metern bequem ausstrecken können. Da war ich etwas beruhigt.

ZEITmagazin: Waren Sie denn Ihrer Mutter nie böse, dass sie ihre Zeit mit den Verwundeten in der Ferne statt mit ihren Kindern verbrachte?

Duflo: Nein. Sie erklärte uns, der Verzicht auf gemeinsame Ferien sei eben, was wir Kinder beitragen konnten. Mir leuchtete das ein. Und alle in der Familie sahen es so.

ZEITmagazin: Vielleicht hängt es stark vom Vorbild der Eltern ab, wie sehr sich Menschen ihre natürliche Hilfsbereitschaft erhalten. Deswegen haben wir dem Drängen unserer Kinder nachgegeben.

Duflo: Sie nahmen damals Flüchtlinge in Ihrem Haus auf?

ZEITmagazin: Zwei Männer aus Marokko, wir taten es auch für die Kinder. Ich habe allerdings den Kontakt zu ihnen verloren. Ob wir das Los unserer Gäste wirklich verbessern konnten, weiß ich nicht.

Duflo: Ich denke, das konnten Sie. Flüchtlinge kommen in der Regel recht schnell auf die Beine, wenn sie früh die richtige Unterstützung bekommen. Wenn Sie Flüchtlinge in Ihre Wohnung aufnehmen, helfen Sie ihnen weitaus mehr, als wenn Sie Geld spenden.

Esther Duflo und Stefan Klein im Gespräch © Alexander Gehring

ZEITmagazin: Würden Sie auch als Ökonomin so argumentieren?

Duflo: Natürlich. Ökonomen mögen gute Investitionen. Wenn Sie einem Flüchtling eine Weile Unterschlupf geben und dadurch seine Lebenssituation stabilisieren, findet er schneller einen Job. Sobald Flüchtlinge arbeiten, bereichern sie ihr Gastland. Das zeigt die ökonomische Literatur. Darum schafft die Hilfeleistung wirtschaftlichen Wert. Diese Wirkungen lassen sich sogar messen. Sie können Flüchtlinge nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen aufteilen – wir nennen das ein randomisiertes Experiment. Wer in der ersten Gruppe ist, muss in eine Massenunterkunft. Die Flüchtlinge in der zweiten Gruppe bekommen eine eigene Wohnung. Und die dritte wird Untermieter bei Einheimischen. Dann fragen Sie im Abstand von ein paar Monaten immer wieder, wie die Versuchspersonen leben und wie viel sie verdienen, und vergleichen die Antworten der Flüchtlinge in den drei Gruppen.

ZEITmagazin: Sie haben Hunderte solcher Feldversuche gemacht, die meisten in armen Ländern. Wie kamen Sie darauf?

Duflo: Als Studentin fragte ich mich, was wohl gegen die extreme Armut von Hunderten Millionen Menschen in der Dritten Welt helfen würde. Also recherchierte ich, wie viel alle Industrieländer zusammen für Entwicklungshilfe ausgaben. Als ich diese Zahlen sah, dachte ich mir: Na ja. Es sind gerade einmal fünf Prozent von dem, was die Regierungen der Dritten Welt selbst für Armutsbekämpfung in ihren Ländern bezahlen.

ZEITmagazin: Unsere Beiträge sind nicht einmal der Tropfen auf den heißen Stein.

Duflo: Wir sollten viel mehr geben. Aber wir sollten nicht glauben, dass wir allein mit unserem Geld die Armut abschaffen können. Deswegen erschien es mir wichtig, dass zuallererst die Selbsthilfe der ärmeren Länder möglichst viel bewirkt. In meiner Doktorarbeit evaluierte ich Regierungsprogramme in Entwicklungsländern. Aber so bewerten wir eben erst im Nachhinein, was andere getan haben. Wir erfahren nie, ob andere Hilfe besser gewirkt hätte. Damals machte ein Kollege gerade die ersten randomisierten Experimente in Kenia, das war in den späten Neunzigerjahren. Er wollte erreichen, dass mehr Kinder die Schule besuchen. Da tat ich mich in Indien mit einer lokalen NGO zusammen. Deren Ziel war, dass die Schüler mehr lernten. Wir teilten also 120 Schulen zufällig in Gruppen ein und untersuchten in jeder Gruppe die Wirkung einer bestimmten Unterrichtsmethode.

ZEITmagazin: Was fanden Sie heraus?

Duflo: 90 Prozent der Kinder waren total überfordert. Denn gerade in Entwicklungsländern bringen die Schüler sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit. Die Lehrer unterrichteten aber nur für die Besten. Einmal habe ich mich ins Klassenzimmer gesetzt. Da erklärte die Lehrerin Achtjährigen komplizierte geometrische Beweise! Die meisten Kinder schauten einfach nur aus dem Fenster. Wir fanden also, dass man die Schüler besser nicht nach Alter, sondern lieber nach ihren Fähigkeiten in Klassen einteilt. Und damit erreicht man spektakuläre Erfolge.

ZEITmagazin: Eigentlich logisch.

Duflo: Ja, aber der gesunde Menschenverstand macht so viele Vorschläge, die ebenfalls gut klingen: Schulbücher verteilen, Mädchentoiletten bauen, Computerräume einrichten und so weiter. Bringt alles viel weniger.

ZEITmagazin: Sie hätten auch einfach Schüler, Lehrer und Eltern fragen können.

Duflo: Die Leute haben meist keine Ahnung. Viele Eltern wollen zum Beispiel, dass ihre Kinder auf Englisch unterrichtet werden. Weil aber das Englisch der Kinder häufig miserabel ist, bleibt ihnen dann kaum Zeit für andere Fächer. Wir selbst haben zehn Jahre gebraucht, um das zu verstehen. Und die Lehrer spulen einfach ihren unsinnigen Lehrplan ab. Dazu sind sie nach indischem Gesetz sogar verpflichtet.

ZEITmagazin: Ich könnte Ihnen von ähnlichen Absurditäten aus dem deutschen Bildungswesen erzählen.

Duflo: Und bestimmt nicht nur aus den Schulen. Darum haben wir unsere Methode aus den Entwicklungsländern nach Europa und in die USA exportiert. Viele Länder der EU zum Beispiel bezahlen jungen Arbeitslosen ein Training für Bewerbungsgespräche. Wir haben randomisierte Experimente gemacht: Die Arbeitslosen mit Training finden tatsächlich schneller einen Job – aber nur so lange, wie nicht alle Bewerber an einem Ort das Training bekommen. Wenn das Bewerbungstraining also zum Standardprogramm wird, ist es ganz einfach hinausgeworfenes Geld.

ZEITmagazin: Was sollte man stattdessen tun?

Duflo: Die traurige Antwort ist: Wir haben derzeit keine guten Programme, um Arbeitslosen bei der Jobsuche zu helfen.

ZEITmagazin: Und allein mit Ihren Experimenten lassen sich auch keine finden. Denn zunächst zeigen Ihre Versuche, was alles nicht funktioniert.

Duflo: Trotzdem ist die Methode nützlich. Bevor Sie wirkungsvoll helfen können, müssen Sie erst viele Irrwege gehen. Und dabei versteht man die Zusammenhänge mit der Zeit immer besser. So führt ein Experiment zum nächsten, und am Ende kommt mitunter doch eine hilfreiche Lösung heraus.

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Aus rein ökonomischer und ökologischer Sicht sowie langfristig gedacht:
Ist es sinnvoll den Ärmsten der Armen ein bisschen besseres Leben zu schenken, dass gerade ausreicht, um ggf. eine weitere Generation und wachsende arme Bevölkerung heranzuziehen?
Der Gedanke ist, am Eimzelschicksal gemessen grausam und unfair. Aber die Welt, selbst die armen Bevölkerungen als Ganzes brauxhen etwas mehr weniger arme Menschen, sondern vor allem mehr Menschen, die sich aus der Armut komplett befreien und ihr Land entwickeln können. Auch daran wird ja gearbeitet, aber schon deshalb scheint. Kurzfristig grausam, ist eine sehr selektive Hilfe für kommende Generationen vermutlich besser. Auch wenn sie zunächst mehr Ungleichheit schafft (aber eben auch eine Masse aus der Armut führt, nicht eine Oberklasse reicher macht.