Harald Martenstein Über das Grillen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 29/2018

Eine meiner Ängste ist die Höhenangst. Ich kann auf Türme steigen. Wenn alle anderen die Aussicht genießen wollen, gehe natürlich auch ich die Wendeltreppe hoch, bis nach oben. Jedes Mal glaube ich, dass ich es diesmal schaffe. Ich bleibe dann hinter der Tür zur Aussichtsplattform schweißgebadet im Treppenhaus stehen, die anderen sind längst draußen, und ich rufe: "Verdammt, ich habe vergessen, das Auto abzuschließen." Dann rufen die anderen: "Ey, wir sind doch mit dem Fahrrad gekommen." Ich bin aber schon wieder auf dem Weg nach unten. Eine andere Angst ist die Angst vor dem Grillen.

Ein tolles Rezept ist gegrillte Forelle, es steht in Weber’s Grillbibel. Man muss die Forellen marinieren, dann belegt man sie auf beiden Seiten mit Orangenscheiben und klemmt sie in ein eingeöltes Gitter speziell für Grillfische. Es dauert laut Grillbibel nur insgesamt acht Minuten bei 200 Grad, direkte Hitze. Die Marinade kocht man ein, bis sie die Konsistenz von Sirup hat. Für den Kleinen haben wir eine Wurst gekauft, er hasst Fisch, als Beilage Zucchini.

Der Grill war zu klein für zwei Fische, eine Wurst und die Grillpfanne voller Zucchinischeiben. Also habe ich die Zucchini kurz vorgegrillt, weggestellt, dann die Wurst draufgetan, an den Rand damit, kurz warten, weil Wurst länger dauert, dann die Fische auf den Rost.

Die Wurst verfärbte sich in Minutenschnelle ins Schwärzliche. Das ist total ungesund. Aber wenn man die Haut abschält, macht das nichts, hoffe ich jedenfalls. Ich habe die Wurst in Sicherheit gebracht, sie sah außen aus wie Fernsehaufnahmen von toten Bäumen nach einem Waldbrand. Aber innen war die Wurst perfekt gegart, und die Forellen sahen immer noch gut aus. Ich wendete die Fische und sagte: "Den Forellen gebe ich lieber 15 Minuten, sicher ist sicher." In der Grillbibel seht, dass die Forelle gar ist, wenn die Orangenschalen ein bisschen verkohlt sind. Es roch aber nach Rauch. Der Rauch kam aus der Küche, wo die Marinade sich inzwischen in eine nutellafarbene Paste verwandelt hatte, in der verkohlte Knoblauchstücke klebten.

Ich bin in die Küche gerannt, habe die Marinade vom Herd genommen, dann wieder zum Grill, wo die Orangenscheiben inzwischen ähnlich mumifiziert aussahen wie vorher die Wurst. Dabei waren erst zehn Minuten verstrichen! Ich klatschte in die Hände und rief "Fertig!", dann kam das Gemüse auf den Grill, warum nicht mal Gemüse zur Nachspeise.

Der Fisch löste sich leicht vom Gitter, die Haut war knusprig. Unter der Haut war der Fisch völlig roh. Weil der Fisch schon recht zerfleddert aussah, konnte man ihn schlecht wieder auf den Grill legen. Am Tisch herrschte Schweigen. Ich sagte: "Die Zucchini müssten inzwischen perfekt sein." Die Zucchini hatten sich, obwohl ich den Grill runtergedreht hatte, innerhalb von fünf Minuten farblich noch stärker verändert als Michael Jackson im Laufe seiner langen Karriere. Wenn man auf die Zucchinischeiben Zahlen gemalt hätte, dann hätte man sie im Spielcasino als schwarze Chips verwenden können.

Trotzdem grille ich immer wieder. Man nennt dies den "Lake-Wobegon-Effekt". Der Autor und Moderator Garrison Keillor hat ein Dorf erfunden, das Lake Wobegon heißt. Dort glauben alle Frauen, sie seien stark, alle Männer halten sich für gut aussehend und alle Kinder für hochbegabt. Der Begriff ist in die Psychologie eingegangen als Bezeichnung der Tatsache, dass jeder Mensch seine Fähigkeiten überschätzt, fast jeder. Der Einzige mit der Fähigkeit, sich realistisch einzuschätzen, ist natürlich immer man selber.

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