Ingvild Goetz: "Ich kam in der Lederhose, weil ich die so praktisch fand"

Die Kunstsammlerin Ingvild Goetz geriet auf den Straßen New Yorks in Gefahr. Da hielt eine Limousine. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 29/2018

ZEITmagazin: Frau Goetz, als Sie klein waren, sind Ihre Eltern mit Ihnen aus Westpreußen nach Hamburg geflohen, anfangs waren Sie in Bad Segeberg. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ingvild Goetz: Ich habe sehr viele Erinnerungen an den Krieg und die Flucht: die Sirenen, den Fliegeralarm und dann Jagd, Hetze, überfüllte Busse, der Treck, und alles war mit Angst verbunden. Aber schon in Segeberg, wo wir zu fünft in einem Zimmer zwangseinquartiert waren, war ich die ganze Zeit unterwegs, um irgendetwas zu organisieren. Das habe ich nicht als schlimm empfunden, sondern hatte das Gefühl: Das muss so sein. Ich wurde bald street-smart und habe bei den englischen Besatzern erfolgreich Lebensmittel erbettelt.

ZEITmagazin: In der Schule lachte man Sie aus, weil Sie ärmlich gekleidet waren.

Goetz: Ich war in der Grundschule die Jüngste in der Klasse, und die Hamburger Kinder konnten meinen Dialekt nicht ausstehen und haben mich oft verprügelt. Mein Bruder und ich wurden als Polacken beschimpft, es war die Hölle. Wir wurden dann allerdings umgeschult, und in der neuen Schule ging es einigermaßen. Schlimm wurde es wieder im Gymnasium. Dort gab es lauter brave, gut angezogene Mädchen, und ich kam in der Lederhose, weil ich die so praktisch fand und nie so aussehen wollte wie die anderen. Ich fühlte mich immer eingesperrt in Normen und habe darunter gelitten. Diese Erlebnisse haben mich geprägt.

ZEITmagazin: Ihr Vater fasste in Hamburg als Kaufmann schnell Fuß. Welche Rolle hat er für Ihren Werdegang gespielt?

Goetz: Er war sehr freiheitsliebend und hat mir eigentlich keine Grenzen gesetzt, die Grenzen kamen von meiner Mutter. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich sechs war. So habe ich ihn nur besuchsweise kennengelernt. Aber mein Vater hat mich mit 16 schon auf Geschäftsreise nach Kanada mitgenommen, weil er meinen Drang verstand, in die Welt hinauszugehen. Ich musste mich ständig durchboxen und habe mir gesagt, dass ich mich nicht vom Mainstream beeinflussen lassen darf, sondern das leben muss, was mir wichtig erscheint. Ich wollte nie bürgerlich leben, obwohl ich immer eine verborgene Sehnsucht nach der beschützenden Ordnung der bürgerlichen Familie hatte.

ZEITmagazin: 1972 eröffneten Sie in Zürich Ihre erste Galerie.

Goetz: Ich bin vorher viel gereist, etwa nach New York, um mit den Künstlern Ausstellungen festzumachen, obwohl es die Galerie da noch gar nicht gab. Damit verstieß ich gegen eine Regel. Die etablierten Galeristen meinten: Die kann doch nicht einfach unsere Künstler einsammeln, und ihre Galerie gibt es noch nicht – das ist eine Betrügerin. Sie haben den Künstlern die Hölle heißgemacht, und manche zogen ihr Kunstwerk wieder zurück.

ZEITmagazin: Erlebten Sie mal eine Situation, mit der Sie allein nicht fertigwurden?

Goetz: Als ich in New York meine ersten Künstler besuchte, bin ich in Gefahr geraten. Ich war bei Duane Hanson in der Bowery, einem damals gefährlichen Viertel. Wir haben lange zusammengesessen. Es war schon dunkel, da bin ich auf die Straße gerannt und hoffte, dass ein Taxi kommt, aber das war aussichtslos. Mir war gesagt worden, dass ich für die Obdachlosen Cents dabeihaben sollte. Als eine Gruppe von Obdachlosen kam, habe ich also die Cents verteilt, doch dann wurde mir angst und bange, weil mich immer mehr Menschen umringten. Ich stand an der Straße und war völlig verzweifelt, da hielt plötzlich eine Riesenlimousine, jemand öffnete die Tür und sagte: Komm sofort rein hier, ich bin dein Retter. Ich sprang ins Auto, und der Mann darin sagte, dass er ein Sicherheitsmann der arabischen Botschaft sei und Mohammed ihn geschickt habe, um mich zu retten. Ich glaubte ihm nicht. Er hatte auch eine Pistole und meinte, eine Kugel fehle schon. Aber er hat mich tatsächlich vor meinem Hotel abgesetzt. Dann stand ich da und habe erst mal geheult, weil ich völlig fertig war.

ZEITmagazin: Heute besitzt der Freistaat Bayern Ihr Museum und einen Großteil Ihrer Medienkunst. Was hat das für Sie verändert?

Goetz: Es war mir ein Anliegen, dass mein Museum weiterhin als Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst genutzt wird. Aber ich habe gesehen, dass mir die Aufgabe zu viel wurde. Der Freistaat Bayern erschien mir als der richtige Eigentümer. Nach der Schenkung konnte ich mich stärker auf die inhaltliche Gestaltung und den weiteren Ausbau der Sammlung konzentrieren und hatte mehr Zeit, Ideen für neue Ausstellungen zu entwickeln. Das mache ich auch heute noch. Insofern gibt es keine Wehmut in mir.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren
Gelöschter Nutzer 6846
#1  —  18. Juli 2018, 8:47 Uhr

"Dieser Lebenslauf könnte fast der meinige sein. Na ja, beinahe."
Meine "Eltern" trennten sich ebenfalls als ich 6 Jahre alt war.
Eine Lederhose hatte ich auch, nur kam kein Retter meiner armen Seele daher, sondern ich war als Schlüsselkind mehr oder weniger auf mich alleine gestellt- und wurde manchmal von den Nachbarn betreut, weil man leider keine Zeit für mich hatte.
"So ein Pech, warum musste ich auch auf die Welt gekommen werden?
"Also alles in allem fast der identische Werdegang wie jener von Frau Goetz."