© Julius-Christian Schreiner

Barrieren "Bitte gehen Sie weiter!"

Steinpoller in windgeschützten Ecken oder scharfkantige Gitter über Lüftungsschächten – solche Baumaßnahmen im öffentlichen Raum senden eine brutale Botschaft: Hau ab hier! Der Fotograf Julius-Christian Schreiner hat in Hamburg, Paris und London die scheinbar harmlosen Barrieren wie Skulpturen fotografiert. Von
ZEITmagazin Nr. 30/2018

Große schwere Steine, die unter einer Brücke liegen, scheinbar zufällig. Sie fallen kaum auf, nicht dem Spaziergänger, der vorbeigeht, nicht dem Radfahrer, der vorbeifährt. Dabei wurden die Steine mit Absicht dorthin gelegt, zu groß und zu schwer, um sich wegrollen zu lassen von jenen, die hier Schutz suchen vor Regen, Wind und Kälte. Die Steine sollen Obdachlose daran hindern, unter einer Brücke zu übernachten.

Der Leipziger Fotograf Julius-Christian Schreiner wurde vor drei Jahren zum ersten Mal auf solche Steine aufmerksam, das war unter einer Brücke an der Helgoländer Allee in Hamburg. Dort waren nicht nur Steine verlegt, sondern war auch ein Zaun aufgestellt worden. Alles, damit die Hamburger Touristen auf ihrem Weg zu den Landungsbrücken kein Camp von Obdachlosen mehr sehen müssten. Schreiner begann sich mit einem Phänomen zu beschäftigen, das es nicht nur in Hamburg, sondern in vielen Metropolen gibt: Es wird versucht, auf den öffentlichen Raum Einfluss zu nehmen. Ohne dass es besonders auffällt.

"Silent Agents" nennt Schreiner solche Barrieren wie die Steine und den Zaun unter der Brücke an der Helgoländer Allee. Gemeint ist damit, dass im öffentlichen Raum inzwischen Bauformen jene Aufgaben übernehmen, die früher vielleicht Polizisten oder Sicherheitskräfte übernommen hätten, indem sie schlafende Obdachlose unter einer Brücke oder aus U-Bahn-Stationen vertreiben. Dort stehen zwar Metallbänke, damit Fahrgäste sich setzen können. Aber die einzelnen Sitze sind durch Lehnen getrennt – sich hinzulegen ist unmöglich. Auch das ist Absicht.

Über die Architektur wird auf diese Weise das Verhalten von Menschen gesteuert, ohne direkt einzugreifen. Aber ist dann der öffentliche Raum überhaupt noch ein öffentlicher Raum? Mit dieser Frage beschäftigt sich Julius-Christian Schreiner in seiner Bildstrecke, die in Hamburg, Paris und London entstanden ist. Die Städte stehen stellvertretend für Metropolen auf der ganzen Welt. Denn das Phänomen der sogenannten hostile architecture, der feindlichen Architektur also, ist international. Inzwischen haben sich einzelne Firmen sogar darauf spezialisiert, zum Beispiel Sitzgelegenheiten besonders unbequem zu gestalten.

Ohne dass es besonders auffällt, verwandeln sich Orte, die eigentlich allen gehören, in Orte, die bestimmte Menschengruppen ausschließen. Besonders Obdachlose sollen vertrieben werden, aber nicht nur. Skater sollen durch spezielle Stopper auf Bänken und Treppen ferngehalten werden, Junkies auf öffentlichen Toiletten durch blaues Licht, welches das Finden der Venen erschwert. Und auch das scheinbar wohlklingende Hintergrundgedudel auf einem Bahnhof nervt, sobald man sich dort statt fünf Minuten fünf Stunden aufhält. Die Botschaft ist immer dieselbe, mal ist sie zu sehen, mal zu hören, immer zu spüren: Hau ab hier!

Wenn Barrieren allzu offensichtlich sind und Menschen allzu direkt vertrieben werden sollen, gibt es Proteste. Unter der Brücke an der Helgoländer Allee in Hamburg jedenfalls wurde der Zaun wieder abgebaut. Die Steine blieben zwar, aber die Obdachlosen auch. Sie schlafen zwischen ihnen.

Schreiner selbst hält Silent Agents dann für akzeptabel, wenn ein Problem nicht nur durch Barrieren verdrängt wird, sondern gleichzeitig Lösungsmöglichkeiten bedacht werden. In Hamburg etwa wurden die Wände im Stadtteil St. Pauli mit einem speziellen Lack behandelt, der Urin abweist. Wer nun gegen eine so behandelte Hauswand pinkelte, bekam als Folge seinen eigenen Urin ab. "St. Pauli pinkelt zurück", hieß es bei den Anwohnern des Ausgehviertels, die die Nase voll hatten von Betrunkenen, die ihre Wände besudelten. Ein Denkzettel, sicher. "Aber wenn gleichzeitig mehr öffentliche Toiletten aufgestellt würden, käme man der Lösung des Problems näher", sagt Schreiner.

Julius-Christian Schreiner, der sich in seinen fotografischen Arbeiten oft mit dem öffentlichen Raum und dem Thema Stadtentwicklung beschäftigt, hat die Barrieren, die er fand, wie Skulpturen fotografiert. Der Betrachter versteht erst einmal gar nicht, worum es bei den Steinen, Gittern und Lehnen eigentlich geht. Was ist das?, fragt er sich. Und genau das ist Schreiners Ziel: "die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen". Denn wenngleich es vor allem Randgruppen seien, deren Leben durch die Barrieren beeinflusst würden, beträfen die Konstruktionen uns alle. "Ihr Ergebnis ist letztendlich das Verschwinden von Aufenthaltsmöglichkeiten im öffentlichen Raum." Darauf will Schreiner aufmerksam machen.

Weiß man erst einmal, worum es bei den Steinen unter Brücken oder den Lehnen auf Bänken geht, dann sind die Silent Agents gar nicht mehr so unauffällig. Dann sieht man sie plötzlich überall.

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