David Attenborough Die Stimme der Tiere

Sir David Attenborough ist weltberühmt für seine Naturdokumentationen und in England fast so beliebt wie die Queen. Ein Gespräch mit dem 92-Jährigen über Paradiesvögel, Farbfernsehen und den Humor von Schimpansen. Interview: und
ZEITmagazin Nr. 30/2018

Susan Attenborough, die Tochter des Tierfilmers Sir David Attenborough, öffnet die Haustür. Sir David, 92 Jahre alt, kommt die Treppe herunter. Er wohnt seit 1952 in dieser himmelblauen, zweistöckigen Villa in Richmond, einem grünen Stadtteil im Südwesten Londons. Er begrüßt die Besucher und geht voran ins Wohnzimmer. Der Türstopper ist ein Metallkäfer in Dackelgröße. Die Schubladen des hölzernen Sideboards sind beschriftet: Borneo, Sierra Leone, Ruanda. In den Wandregalen stehen Bücher, Hunderte Musikkassetten mit klassischer Musik und einige Fossilien. Die Fenster eröffnen den Blick auf einen gepflegten Garten mit Teich. Während des Interviews mit Sir David steht Tochter Susan, die seit zwei Jahren bei ihrem Vater wohnt, in der Küche und bereitet ein Abendessen für viele Gäste vor.

ZEITmagazin: Sir David, woher kommt Ihre Faszination für die Natur?

David Attenborough: Wie Tausende, wahrscheinlich Millionen von Jungs sammelte ich Fossilien, als ich klein war. Fossilien haben etwas Romantisches.

ZEITmagazin: Inwiefern?

Attenborough: Wenn Sie einen Stein entzweischlagen und sich die Schönheit in seinem Inneren ansehen und wissen, dass kein Mensch je zuvor diesen Anblick genossen hat, dass Sie also der erste Mensch sind, der das Innere des Steins je zu Gesicht bekommen hat, dann ist das doch faszinierend. Das verstand ich auch mit acht schon.

ZEITmagazin: 14 Millionen Briten schauten vergangenes Jahr Ihre Serie Blue Planet II. Wenn Ihnen als Kind jemand gesagt hätte, wie sich Ihr Leben entwickeln würde, hätten Sie ihm geglaubt?

Attenborough: Nein, denn es gab ja kein Fernsehen, als ich klein war. Ich habe meinen ersten Job bei der BBC im Jahr 1952 bekommen. Zu einer Zeit also, in der ich noch nie ferngesehen hatte.

ZEITmagazin: Als junger Zoologe hatten Sie sich eigentlich für eine Stelle beim Radio beworben, doch Sie bekamen eine Absage und wenig später ein Gegenangebot: als Produzent zur Fernsehsparte der BBC zu gehen. Es waren die Anfänge des Fernsehens. Hatten Sie eine Vorstellung, was Sie dort erwartete?

Attenborough: Kaum eine. Wir waren ein kleines Team, sechs Leute, und konnten frei überlegen, was wir senden: Politik, Gärtnern, Nähen, Rätselraten, Kochen, Naturkunde – Ziel waren zwei, drei Sendungen pro Woche.

ZEITmagazin: Zoo Quest war 1954 die erste Tiersendung im Fernsehen überhaupt. Sie haben das Genre praktisch erfunden.

Attenborough: Ich hätte damals natürlich nicht gedacht, dass ich später mein ganzes Leben damit verbringen würde, Tiere zu filmen. Zoo Quest hat mir einfach nur Spaß gemacht. Die Idee war, dass wir Mitarbeiter des Londoner Zoos dabei begleiteten, wie sie in der Wildnis Tiere für den Zoo einfingen. Doch da uns die Teleobjektive fehlten, mit denen wir die Tiere aus der Distanz filmen und trotzdem in Nahaufnahme zeigen konnten, brachten wir die eingefangenen Tiere ins Studio, um sie dort live zu filmen.

ZEITmagazin: Für die Sendung reisten Sie nach Sierra Leone, einem der ärmsten und gefährlichsten Länder der Welt. Sie wollten seltene Tiere filmen, den Vogel Gelbkopf-Felshüpfer zum Beispiel. Wie haben Sie diese erste Reise erlebt?

Attenborough: Die Natur war überwältigend schön. Die Luftfeuchtigkeit von Westafrika mit seinen 30, 40 Meter hohen Regenwäldern war gigantisch, die Luft fühlte sich wie Suppe an. Es war sehr aufregend.

ZEITmagazin: Die Zuschauer sahen Ihnen in den folgenden Jahren dabei zu, wie Sie eine Pythonschlange fingen oder einem kleinen Bären die Flasche gaben. Wie kam es eigentlich, dass Sie vor der Kamera standen? Sie waren doch Produzent.

Attenborough: Wir waren ja nur wenige Leute, da machte jeder irgendwann alles. Bei Zoo Quest sollte ich eigentlich Regie führen. Doch der Moderator Jack Lester, ein Angestellter des Londoner Zoos, wurde nach der Rückkehr aus Sierra Leone sehr krank. Die BBC aber machte die klare Ansage: Die Sendung soll wöchentlich laufen, irgendjemand muss das jetzt moderieren. Und da ich als Teilnehmer der Expedition als Einziger wirklich infrage kam, sagten die BBC-Verantwortlichen: Du machst das. Die zweite Expedition führte uns nach Südamerika, und Jack, der Leiter und Moderator, war zwar dabei, wurde aber wieder krank, also übernahm ich erneut. Letztlich starb Jack an den Folgen der Tropenkrankheit.

ZEITmagazin: Im Studio kam es oft zu slapstickartigen Momenten, zum Beispiel, als Sie den Verhaltensbiologen und Nobelpreisträger Konrad Lorenz mit einer Gans filmten.

Attenborough: Ja, er war ein überaus interessanter Wissenschaftler und noch dazu sehr lustig. Die Gans hat sich vor laufender Kamera auf ihm erleichtert. Konrad Lorenz sagte mit seinem deutschen Akzent: Oh, all over the trousers!

ZEITmagazin: Er wischte sich seine Hose mit einem Taschentuch ab, vergaß das aber offenbar gleich wieder und schnäuzte sich mit dem Taschentuch.

Attenborough: Er sah danach sehr grün im Gesicht aus! Ich habe heute noch ein Buch von ihm, in das er diese Szene als Comic gezeichnet hat.

ZEITmagazin: 1979 wurden Sie weltberühmt, als Sie in Ruanda von Berggorillas überrascht wurden. Wie kam es dazu?

Attenborough: Die Dokumentation, die wir damals drehten, hieß Life On Earth und hatte ein sehr klares Thema: Es ging um die Evolution der Primaten. Ich hatte das Skript geschrieben und wollte demonstrieren, dass das Zusammenpressen von Daumen und Zeigefinger ein wichtiger Schritt in der Evolution ist – denn so essen Gorillas ja zum Beispiel. Sobald ein Wesen dazu in der Lage ist, die Finger auf diese Weise aufeinanderzupressen, kann es auch Werkzeuge verwenden. Mit diesem Drehbuchkonzept flogen wir nach Afrika. Wir entdeckten dort dann eines Tages eine Berggorilla-Familie in den Büschen. Ein paar Meter entfernt wollte ich gerade damit beginnen, meinen Text in die Kamera zu sprechen, als einer der Gorillas auf mich zukam und seine Pranke auf meinen Rücken legte.

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