Harald Martenstein Über das Wetter

Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 30/2018

Im Tagesspiegel habe ich gelesen, dass der Klimawandel in Berlin und im Lande Brandenburg langfristig für Wetterverhältnisse wie in Südfrankreich sorgen werde. Die Ahnen der heutigen Brandenburger scheinen das irgendwie gespürt zu haben, es gibt Dörfer, die "Afrika" und "Mexiko" heißen. Wenn sie den Unterricht im Freien gestalten können, erübrigt sich in Berlin auch so manche Schulsanierung. Man soll Baumsorten pflanzen, die nicht viel Wasser brauchen, sonst sitzen die Urenkel im Garten in der prallen Sonne. Die Linden sind alle längst verdorrt. Falls diese Prognose stimmt, müsste man rechtzeitig in eine Außenküche investieren.

Irgendwas hat mich irritiert an dieser Geschichte. Meiner subjektiven Erinnerung nach ist der letzte richtig heiße Sommer eine Weile her. Hieß es denn nicht immer, als Folge des Klimawandels regne es heftiger? Richtig, im Sommer 2017, der nicht so trocken war wie dieser, meldete sich in der ZEIT der Klimatologe Mojib Latif zu Wort: "Die Zahl der Extremniederschläge ist angestiegen." Sein Kollege Stefan Rahmstorf sprang ihm bei: "Daten aus den USA, Europa und Australien deuten auf eine erhebliche Zunahme von Extremniederschlägen." Es gibt aus diesem Jahr, 2017, etliche Berichte dieser Art. Der Klimawandel, der 2018 Brandenburg in die Provence verwandelt, war also 2017 noch voll und ganz damit beschäftigt, Deutschland in ein zweites Bangladesh mit ständigen Überschwemmungen umzumodeln. Wer im Juli 2017 im Glauben an die Klimatologen einen Pfahlbau errichtet hat, um sich langfristig zu schützen, der ärgert sich jetzt.

Da fiel mir ein, dass es manchmal auch kalt ist. Im Januar 2017, nur Monate vor der Ära der Extremniederschläge, wurde vor einer neuen Eiszeit gewarnt, als Folge des Klimawandels. Eine Überschrift hieß: "Gletscher über Berlin", Prognose vom 6. Januar in der ZEIT. An einem eisigen 6. Januar glaubt man so etwas sofort. Wenn es ein paar Tage kalt wird, dann hängt dies immer mit dem Golfstrom zusammen, der sich abschwächt oder umkehrt, jedenfalls tut er nicht, was er sollte. Aber schon einige Monate später fließt der Golfstrom offenbar wieder korrekt, und man bestellt sich Eiskaffee.

Ein Meteorologe hat mir den Unterschied zwischen Klima und Wetter erklärt, das eine ist so langfristig wie der Finanzierungsplan für die Eigentumswohnung, das andere fährt im Zickzack wie die Aktienkurse. Es ist durchaus möglich, dass an einem bestimmten Tag am Nordpol und am Bodensee die gleiche Temperatur herrscht, dies ist Wetter, aber wer daraus den Schluss zieht, dass man am Nordpol einen Biergarten eröffnen könnte, hat das Klima nicht auf der Rechnung. Der gleiche Mann hat mich auch zum Meteorologen ausgebildet.

Das Wetter ändere sich nicht täglich, es gebe öfter längere Perioden. Wenn man prophezeit, dass es morgen genauso wird wie heute, dann habe man deshalb eine Trefferquote von deutlich über 50 Prozent. Man darf nicht sagen "wie heute", das wäre zu durchschaubar, man muss es fachmännisch klingen lassen: "Temperaturen um die 30 Grad, leichte Quellbewölkung, örtlich Gewitter. Gegen Abend frischt es auf." Meistens stimmt es, andernfalls kann man es immer auf den Golfstrom schieben.

Der Meteorologe sagte, dass er das Wetter von morgen ziemlich gut vorhersagen könne, da sei seine Methode besser als meine, wenn auch nicht unfehlbar. Eine Woche im voraus? Na ja, 60 Prozent kriege er hin. Was in 80 Jahren ist, muss man abwarten. Von der Wüste Gobi über die Côte d’Azur bis Grönland scheint für Brandenburg alles drin zu sein.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren