Kinderkrankheiten: "Ich hab keine Läuse, Papa"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 30/2018

Seit ich Kinder habe, kränkle ich. Egal, ob es Luna war oder Lotta oder Greta: Die Kinder gingen gesund in die Kita und kamen krank nach Hause. Sie hatten Ohrenentzündungen, Bindehautentzündungen, Grippe, Schnupfen, Scharlach und unzählige Magen-Darm-Infekte. Jedes Mal blieben sie zu Hause und mussten gepflegt werden. Nach wenigen Tagen waren die Kinder wieder gesund. Dann aber spürte ich, dass mit mir selbst irgendetwas nicht stimmte. Ich bekam Ohrenentzündungen, Bindehautentzündungen, Grippe, Schnupfen, Scharlach und unzählige Magen-Darm-Infekte. Es brauchte einige Tage, bis ich mich einigermaßen durch all den Unbill hindurchgeschleppt hatte. Und ehe ich alles überwunden hatte, kam schon die nächste Kita-Infektion durch die Haustür.

Der Weg durch das Kleinkindalter ist überschwemmt mit Schnodder und Auswürfen. Juli allerdings ist das resistenteste aller meiner Kinder. Juli bringt kaum Krankheiten mit – dafür aber Läuse. Ich habe Läuse immer als etwas Widerwärtiges empfunden. Mittlerweile musste ich lernen, dass sie einfach zur Elternrealität gehören. Statistisch gesehen, ist in Deutschland jedes 20. Kind von Läusen befallen. Läuse verbreiten sich wie Schnupfen, auch wenn man es mit der Hygiene (wie wir!) ziemlich genau nimmt. Oft werden sie nicht bemerkt, weil meist nur ein bis zwei Läuse in den Haaren herumklettern. Kindergärten gelten als besonders gefährdet. Im Kinderlausen sind meine Frau und ich mittlerweile so professionell wie Affeneltern. Wenn ich eine Laus sehe, weiß ich, was zu tun ist: Ich wasche die Haare und imprägniere sie mit einem Mittel, das wie ein Gemisch aus Autolack und Zitronenlimonade riecht. Man muss es als Vorsichtsmaßnahme bei allen Familienmitgliedern machen. Später sitzen wir einträchtig vor dem Fernseher, essen Tiefkühlpizza und haben Frisuren, die aussehen, als hätte man einen Eimer Pomade hineingeschmiert.

Neulich brachte ich Juli zur Kita. Juli hat Tage, da schätzt sie es nicht besonders, sich morgens von ihren Spielsachen zu trennen. Sie für die Kita fertig zu machen ist dann, als wäre man ein Polizist, der einen Demonstranten von einer Sitzblockade wegtragen muss. Und müsste dann diesem Demonstranten auch noch eine Hose anziehen und die Zähne putzen. Ich nahm also Juli in eine Art Polizeigriff, sodass ich ihr die Schuhe anziehen konnte. Später im Büro bemerkte ich, wie mir etwas über den Arm krabbelte. Eine Laus. Sofort kam mir der Verdacht, dass mich das Tier im Gemenge mit Juli angefallen haben könnte. Als ich Juli von der Kita abholte, kaufte ich eine Familienpackung Entlausungsmittel und untersuchte Julis Haare. "Ich hab keine Läuse, Papa", sagte sie. Sie hatte recht – keine Spur von Läusen. Ich prüfte alle anderen Kinderköpfe. Auch sie waren sauber. Erst dann setzte ich den Läusekamm bei mir an. Ich war der Einzige mit Läusen. Mir kam der Gedanke, dass der Infektionsweg ja auch umgekehrt gewesen sein könnte. Vielleicht war ich stets mit Viren, Bakterien und Läusen aus dem Büro gekommen und hatte meine Kinder angesteckt. Ich tränkte mein Haupt mit Läusemittel, während Juli jubelte: "Papa hat Läuse!" Alle versicherten mir, die Sache diskret zu behandeln. Bestimmt hat sich auch Juli daran gehalten. Ich habe gelesen, dass Befall mit Kopfläusen meldepflichtig ist. Hiermit geschehen.

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