Die großen Fragen der Liebe: Sollen sie beim Sex Neues ausprobieren?

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ZEITmagazin Nr. 30/2018

Die Frage: Christian und Juliane wohnen seit zwei Jahren zusammen. Sie arbeiten viel und machen nach langer Zeit mal wieder gemeinsam Urlaub. An einem langen Nachmittag im Bett fragt Chris nachdenklich: "Wie würdest du unser Sexleben einschätzen?" Juliane ist irritiert. "Normal bis glücklich", sagt sie. "Willst du uns da etwa evaluieren, auf einer Skala von eins bis fünf?" – Christian winkt ab. "Ich denke nur, wir sollten uns vielleicht was überlegen. Ich habe von einer Sexualtherapeutin gelesen, die sagt, dass Paare jedes Jahr etwas Neues ausprobieren sollen, neue Stellungen." – "Wenn dir was einfällt, dann kannst du es doch machen und nicht nur darüber reden!" Darauf Christian: "Ich bin ja zufrieden. Ich will nur, dass du dein Interesse an mir nicht verlierst!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Man würde sich wünschen, dass in einer Welt befreiter Erotik Paare ihr Sexualleben genießen können, ohne sich Sorgen zu machen. Aber den von Restriktionen befreiten Raum haben neue Ängste besetzt. Sie hängen damit zusammen, dass wir uns daran gewöhnen müssen, jederzeit und überall bewertet zu werden. Das fängt mit den Schulnoten an, setzt sich in beruflichen Beurteilungen fort und greift inzwischen mit Liken und Followen auf sozialen Medien in den privaten Bereich ein. Bewertungen in der Erotik verwirren. Wo es um Gefühl und Hingabe geht, richtet Perfektionismus Schaden an. Gute Empfindungen lassen sich weder verbessern noch garantieren. Das wirksamste Mittel, mit dem Christian verhindern kann, dass Juliane ihr Interesse an ihm verliert, sind sein spontanes Interesse an ihr, seine Empathie und Zuwendung.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag)

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