Michael Sowa: "Ein Nachbar war schneller da, zum Glück"

Beinahe wäre der zweijährige Sohn des Künstlers Michael Sowa ertrunken. Ein Nachbar konnte ihn retten. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 30/2018

ZEITmagazin: Herr Sowa, das Suppenschwein ist eines Ihrer bekanntesten Motive. Wann haben sich die Schweine in Ihr Leben geschlichen?

Sowa: Ich glaube, das begann mit zwei Bildern, in denen das Schwein gewissermaßen als Solist auftrat. Schweine machen sich in der Landschaft, also auch in der inszenierten, immer gut. Ein Bild hieß Köhlers Schwein und zeigt ein Schwein, das mit Anlauf in einen Teich springt. Das bezog sich auf einen Artikel des Schriftstellers Peter Köhler über das Nacktbaden von Tieren. Und dann ist da noch das Suppenschwein – das Minischwein, das auf einem schön gedeckten Tisch in der Suppe steht. Das war eine Illustration für ein Buch, in dem es um Essen ging. Und vielleicht noch Schweine raus aus Dödensted: Das war Ende der Achtzigerjahre, als es schon mal so eine Art "Das Boot ist voll"-Stimmung in Deutschland gab. So schnell geht das, schon ist man der "Schweinemaler". In den Siebzigerjahren sah man übrigens noch Schweine auf der Wiese oder auch Ferkel über einen Hof flitzen.

ZEITmagazin: Ihre Bilder sind altmeisterlich gemalt und mitunter so boshaft wie Ihre Hennen, die dem Hahn zurufen: "Eins, zwei, drei: Hühnerficker!" Das ist der Text zu einem als Postkartenmotiv bekannten Bild. Sie sind ein sanfter Mensch, was geht in Ihnen vor?

Sowa: Ich finde das gar nicht so boshaft, die Hennen rufen ja nur, was Sache ist. Das ist so was wie #MeToo auf dem Hühnerhof, wie eine Freundin neulich sagte. Und dass ich ein ausgesprochen sanfter Mensch bin, da bin ich mir nicht so sicher. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die die bissigsten oder giftigsten Karikaturen oder Cartoons machen, oft die nettesten und sympathischsten Leute sind. Und genauso wenig spricht dagegen, dass jemand, der süße Tierbilder malt, menschlich gesehen, ein ziemlicher Arsch sein kann.

ZEITmagazin: Wie lange sitzen Sie an einem Ihrer Bilder?

Sowa: Bei Auftragsarbeiten gibt es so etwas wie eine Deadline, die ich zwar regelmäßig überschritten habe, aber ich habe es dann immer geschafft. Bei freien Arbeiten kann ich mich endlos ausmären, ich finde oft kein Ende. Was nicht unbedingt zu besseren Ergebnissen führt.

ZEITmagazin: Ihre Tiere stehen oft vor menschlichen Abgründen. Kennen Sie das aus eigener Erfahrung?

Sowa: Also in der Regel, würde ich sagen, geht’s ihnen in den Bildern gut. Abgründe? Das klingt so nach Mord aus Leidenschaft. Kenne ich nur aus Filmen oder Romanen. Aber auch im alltäglichen Leben gibt es so etwas wie schicksalhafte Momente, Situationen, in denen sich plötzlich alles hätte verändern können. Unser jüngster Sohn wäre im Alter von noch nicht ganz drei Jahren beinahe ertrunken. Es war im Frühjahr, noch ziemlich kalt, er spielte mit seiner Schwester auf einer Böschung am Rande eines Wassergrabens. Der Graben war gar nicht tief, weniger als ein Meter. Ich war, und das war wirklich fahrlässig, circa 100 Meter entfernt, als unsere Tochter, damals sieben Jahre alt, plötzlich gellend schrie. Ein Nachbar war schneller da, zum Glück. Unser Sohn lag schon unter der Wasseroberfläche, bewusstlos, es ging nicht mehr um Minuten, es ging um Sekunden. Er hat es überlebt. Wie anders wäre alles geworden, ich will’s mir gar nicht vorstellen.

ZEITmagazin: Sie sind als Einzelkind mitten in Berlin aufgewachsen. Wie war Ihre Kindheit?

Sowa: Einzelkind zu sein hat durchaus Vorteile. Man wird umsorgt, manchmal zu sehr. Später hätte ich gern Geschwister gehabt – in der Phase, in der etwas Rückendeckung oder im besten Fall Solidarität gegenüber den Eltern hilfreich gewesen wäre. Meine Mutter war 35, als ich geboren wurde, heute sicherlich kein Thema, aber 1945 kurz nach Kriegsende in Berlin nicht einfach. Statt mit Milch wurde ich mit Karotten aufgezogen. Das sorgte für eine gute Gesichtsfarbe. Damals bekamen Mütter mit Säuglingen hier und da Vergünstigungen. Die Kinderärztin sagte, wenn die Alliierten mich sehen, stellen sie sofort die Lieferungen ein. Im Sommer war ich immer bei meinen Großeltern in Brandenburg. Das sind die Sommergerüche der Kindheit: Wasser, Kiefern und Teerpappe. In Ost-Berlin roch es anders als in West-Berlin.

ZEITmagazin: Ihre Figuren strahlen manchmal eine gewisse Verlorenheit und Melancholie aus.

Sowa: Ja, so könnte ich auch manchmal in der Landschaft herumstehen. Vielleicht bin ich selbst ein bisschen melancholisch, depressiv bin ich nicht. Es ist eher ein unbestimmtes Gefühl, eine Sehnsucht wie an schönen Sommernachmittagen oder Abenden, wenn man den blauen Himmel sieht und gerne woanders sein möchte, auf jeden Fall aber nicht allein und schon gar nicht im Zimmer.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich hoffe doch sehr, dass von seinem Enkel und nicht wirklich von seinem Sohn, die Rede ist. Der Mann ist eher Opa, als Vater........

Es ist keinerlei Zeitangabe zum Zwischenfall gemacht, nur dass der Sohn "[...]nicht ganz drei Jahre[...]" alt war.
Kann also auch vor 20 Jahren passiert sein.