Netta Barzilai: "Dein Körper muss dir und deinen Träumen in keiner Weise im Weg stehen"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 30/2018

Bis vor wenigen Jahren träumte ich nur von einer Sache: schlank zu sein. Nur so, dachte ich, werden mich andere akzeptieren, mich mögen, mich gar lieben können. Und nur so werde ich überhaupt die Chance bekommen, Erfolg zu haben mit dem, was mich glücklich macht: Musik. Es war, als könnte ich nur in einer Farbe träumen. Für alles andere fehlte mir der Glaube an mich selbst.

Schon in der Schule war ich für die meisten immer nur das dicke Mädchen. Über Jahre quälte ich mich mit Diäten, doch nichts half. Die gut gemeinten Ratschläge von Erwachsenen, dunkle Farben, keine kurzen Röcke und keine schulterfreien Oberteile zu tragen, meinen Körper also zu verstecken, trugen dazu bei, dass sich dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein, nur noch tiefer einbrannte. Erst als ich mit etwa 19 Jahren meinen Militärdienst antreten musste, mich die Band der Armee aufnahm und ich meinen ersten Freund hatte, wurde es besser. Er liebte mich, und er liebte meinen Körper. Auf einmal schien es mir möglich, mich auch selbst zu mögen.

Seit meinem Sieg beim Eurovision Song Contest hat sich mein Leben radikal verändert. Ich habe einen Plattenvertrag und reise von Auftritt zu Auftritt. Fans von überall her schreiben mir auf meinem Instagram-Account, auf Facebook oder YouTube. Wenn ich in Israel unterwegs bin, stürmen Kinder und Erwachsene auf mich zu und wollen unbedingt ein Selfie mit mir. All das kommt mir auch jetzt noch etwas unwirklich vor. Denn bis vor wenigen Monaten, als ich schon Kandidatin beim israelischen Vorentscheid war, war das anders. Einige, die sich die Sendung Woche für Woche ansahen, konnten mit meiner Art, Musik zu machen, nichts anfangen, beschimpften mich in Kommentaren unter Artikeln oder in sozialen Medien schlicht als fett und hässlich.

Dass ich an dem Vorentscheid überhaupt teilnahm, verdanke ich einem Traum, den wohl jeder junge Mensch hat, der mich aber sehr angetrieben hat: Ich wollte endlich unabhängig sein. Bis dahin hatte ich mich in den Bars von Tel Aviv als Kellnerin und Sängerin durchgeschlagen. Ohne die finanzielle Hilfe meiner Mutter aber reichte es nie zum Leben. Jetzt wird es hoffentlich anders.

Wichtig ist mir vor allem, dass ich weiterhin Musik machen kann, auch andere Musik als Toy. Ich will kein One-Hit-Wonder bleiben, und ich will mich immer wieder neu erfinden.

Das Schönste an diesem Traum, den ich jetzt lebe, ist aber, dass er anderen etwas bedeuten und die Wahrnehmung von Menschen wie mir verändern kann. Vor Kurzem sah ich von der Bühne aus ein kleines, dickes Mädchen, das auf den Schultern ihres Vaters saß und ein Schild mit meinem Namen hochhielt. Es soll nicht anmaßend klingen, aber durch mich und meinen Erfolg erfährt sie schon jetzt, anders als ich damals in ihrem Alter: Dein Körper muss dir und deinen Träumen in keiner Weise im Weg stehen, akzeptiere dich, wie du bist. Du siehst ja an mir, es ist okay so. Mehr als okay.

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