Hannah Gadsby: Kein Witz

Die Australierin Hannah Gadsby hat das beste Comedyprogramm aller Zeiten geschrieben, findet Sophie Passmann. Zerknirscht feiert sie hier ihre Kollegin. Von
ZEITmagazin Nr. 31/2018

Superlative sind ermüdend. Ich vermeide Restaurants mit dem besten Hummus der Stadt, der beste Ausblick ist eh immer gelogen, und selbst das Weingut mit dem vermeintlich besten Riesling der Welt hat mich nach ausgiebigem Testen (zwei Flaschen) enttäuscht. Meistens halten Superlative ihr Versprechen der totalen Ekstase nicht. Spätestens seit Donald Trump jedes einigermaßen erfolgreiche Abzeichnen eines internen Memos als the best act in politics ever beschreibt, sind Superlative nahezu synonym mit Stumpfsinn zu sehen.

Deswegen bitte ich Sie, glauben Sie mir, wenn ich das Folgende schreibe: Die australische Komikerin Hannah Gadsby hat das beste Stand-up-Programm aller Zeiten geschrieben. Es heißt Nanette, dauert 60 Minuten und bringt in dieser Zeit mindestens so oft zum Lachen, wie es einem das Herz bricht und an der Welt zweifeln lässt. Seit Anfang Juli ist es bei dem Bezahl-Streamingdienst Netflix im Angebot, und Sie sollten sich einen Gefallen tun und es so schnell wie möglich anschauen.

Mit Nanette stellt Hannah Gadsby die Daseinsberechtigung jedes bisherigen Comedy-Programms infrage und deklassiert jeden belanglosen Witz mit größtmöglichem Respekt. Sie stellt mit radikaler Feinfühligkeit neue Regeln auf, nicht bloß für Comedy, sondern für jedes gesprochene Wort. Hannah Gadsby will dem Miteinander wieder Relevanz verleihen.

Eigentlich müsste ich sie dafür hassen. Seit ich Nanette gesehen habe, warten auf meinem Laptop Dutzende Word-Dokumente mit Witzen auf ihre Löschung, weil ich sie so nie mehr erzählen will. Dabei stelle ich vor allem die Geschichten infrage, die so allgemeingültig und versöhnlich sind, dass sie eben bei jedem Publikum ankommen. Rentner. Studenten. Geschiedene. Veganer. Das sind Witze, die sind humorhandwerklich entweder völlig banal oder manchmal auch ziemlich genial, aber eben in keinem Falle mutig. Seit ich Nanette gesehen habe, erscheint es mir fast wie eine Beleidigung, mich mit Sätzen auf eine Bühne zu stellen, die nichts sagen, sondern nur unterhalten wollen.

Dabei beginnt Nanette völlig durchschnittlich. Hannah Gadsby, 40 Jahre alt, seit über einem Jahrzehnt Stand-up-Comedian, kommt auf die Bühne des voll besetzten Theaters und beginnt zu erzählen. Davon, wie sie in Tasmanien aufgewachsen ist, wo Homosexualität noch bis Ende der Neunzigerjahre illegal war, wie sie irgendwann begriff, dass sie lesbisch ist und in einer Welt aufwachsen musste, in der ihre Identität verboten war. Und sie legt dar, Geschichte für Geschichte, Witz für Witz, wie sie bis heute in einer Welt lebt, in der sich die Nachwehen dieser Ungerechtigkeit in brachialer Homophobie entladen. Gadsby erzählt, wie sie verprügelt wird wegen ihrer Sexualität und wie ihr Wesen bis heute einen Fremdkörper in der Welt darstellt.

Obwohl sie ihre persönliche Geschichte als Lesbe zum Kern ihres Programms macht, läuft sie nicht Gefahr, mit ihrem Programm als gefühlsbetonte Frauen-Comedy abgestempelt zu werden. Zum einen, weil Gadsby so gut ist, dass jeder und jede Comedian eines jeden Geschlechts froh sein könnte, so was zu schreiben. Zum anderen ist die US-amerikanische und australische Comedy-Branche bereits vor vielen Jahren zu der Erkenntnis gekommen, dass Frauen auch witzig sein dürfen und keine Paralympics-ähnliche Unterkategorie von Comedy darstellen müssen.

Gadsby ist keine Ausnahme, ihre Kolleginnen heißen Amy Schumer, Ali Wong, Tig Notaro, DeAnne Smith oder Mae Martin und sind so zahlreich wie arriviert. Von der Freiheit, obwohl oder gerade weil man eine Frau ist, auf der Bühne Witze machen zu können, wie man will, sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Hier gibt es weiterhin unsägliche Veranstaltungen wie Comedy for the Ladies, Männer machen Karriere, indem sie vor Zehntausenden von Zuschauern und Zuschauerinnen Chauvi-Witze über die eigene Freundin machen. Und während genau diese Männer dann in Interviews über ihren Werdegang und Inspiration schwadronieren dürfen, werde ich gefragt, wieso Frauen eigentlich nicht lustig sind.

Gadsby schafft es, die brutalen Geschichten, die sie erlebt hat, mit versöhnlichen Pointen enden zu lassen. Vorerst. Denn nach ein paar Minuten launiger Lesbenwitze, gerade als man dann glaubt zu wissen, was da die nächste Stunde auf einen zukommt, wird Gadsby ernst. Sie blickt in den Saal und hält kurz inne. "Ich denke, ich muss meine Comedy-Karriere beenden." Ihr Publikum schweigt sie fassungslos an. Dann grinst sie. "Vermutlich nicht der beste Rahmen, um so eine Ankündigung zu machen ... mitten in einer Comedy-Show."

Gadsby erklärt sich. Immer habe sie Witze über sich selbst gemacht, die fat ugly dyke, die fette, hässliche Kampflesbe, wie andere sie nennen und sie sich mittlerweile wohl auch. "Ich habe meine gesamte Karriere auf Humor aufgebaut, der mich selbst herabwürdigte. Aber wisst ihr, was das für jemanden bedeutet, der bereits nur am Rand der Gesellschaft existiert? Das ist keine Demut. Es ist Demütigung."

Witze seien nicht die richtige Erzählform für Menschen, die ohnehin schon darum kämpfen müssen, gehört zu werden. Witze waren für sie nie eine beliebig gewählte Methode in einem Leben voller Möglichkeiten, es war seit ihrer Kindheit der Weg, dem Druck, den die Gesellschaft ihr gemacht hat, zu entkommen. "Das war kein Hobby für mich, es war eine Überlebenstechnik."

Die meisten überdurchschnittlich witzigen Menschen waren an irgendeinem Punkt ihres Lebens mal unterdurchschnittlich glücklich. Es wäre also ungerecht, jedem weißen, heterosexuellen Mann in der Comedy-Branche automatisch zu unterstellen, dass Humor für ihn immer nur ein geiles Party-Tool gewesen ist, um Germanistikstudentinnen aufzureißen. Aber für die meisten von ihnen ging es eben lediglich um das gute Leben, nicht das Überleben. Die Gesellschaft hat ihnen nie vermittelt, ihr Wesen würde einen Fehler im System darstellen. Das bleibt den Frauen, den Queeren, den Nicht-Weißen, den Behinderten vorbehalten. Lachen hilft, wenn man eigentlich weinen sollte, zumindest denkt man das als junger Mensch, der von Mitschülern für das feiste Gesicht und die hässlichen T-Shirts gemobbt wird. (An dieser Stelle möchte ich mich bei Philipp aus der 8b bedanken, ohne dich wäre ich sicher nicht so witzig, wie ich es heute glaube zu sein.)

Gadsby spricht sich ein Manifest der Feinfühligkeit von der Seele, eine Entgegnung auf die Binse, nur weil man alles sagen kann, müsse das Gegenüber auch alles ertragen können. Dabei zerstört sie das Konzept von Comedy Satz für Satz, zeigt seine Belanglosigkeit, seine Gefahren auf, vor allem aber, dass es einen Ausweg daraus gibt. Denn genau wie Worte verletzen, können sie im Gegenzug auch berühren und heilen.

Ich will keine Witze mehr erzählen, nicht die einfachen, nicht die netten. Nicht die, die einen schmunzeln lassen. Allein dieses Wort, schmunzeln, klingt wie ein lächerlicher Kompromiss zwischen Langeweile und Amüsement. Nanette hat mich inspiriert und lässt mich dennoch ratlos zurück. Wenn ich erst mal die ganzen Word-Dokumente gelöscht habe, bleibt immer noch die Frage, was zur Hölle ich denn jetzt in Zukunft auf der Bühne erzählen soll. Ich bin ja kokett, genau wie die meisten anderen, die Witze machen. Über den eigentlichen Schmerz sprechen wir alle nicht. Wer unter seiner Trennung leidet, macht auf der Bühne Witze über das eigene Alkoholproblem, wer sich zu dick findet, erzählt stattdessen von der lächerlichen eigenen Familie. Comedians sind kokett, weil es wahnsinnig bequem ist und man uns selten auf die Schliche kommt.

Die Illusion von Gruppentherapie auf der Bühne reicht aus, solange irgendein hartes Thema angesprochen wurde, glauben die Menschen im Publikum meist, man hätte sein Herz geöffnet und seine Seele entfaltet auf der Bühne. Auch Hannah Gadsby hätte ein solides, ein wahrscheinlich sogar sehr gutes Programm auf die Bühne bringen können, wenn sie Stellvertreter-Gags über ihre Frisur oder Unsportlichkeit gemacht hätte. Aber sie hat den Mut gehabt, zum eigentlichen Schmerz zu gehen.

Diese Art von Aufrichtigkeit ist das größte Risiko. Ohne dass das Publikum darum gebeten hätte, kämpft sie plötzlich ohne Visier, das ist wie ein Heiratsantrag im Fußballstadion beim zweiten Date, da gibt es keine Ironie-Ebene mehr, auf die man sich flüchten kann.

Comedians lieben Ironie, vor allem in Deutschland. Ironie ist einfach und bequem, aber eben auch völlig sinnlos, sie bietet keinen Platz für Haltung, nicht mal Platz für echte Haltungslosigkeit. Diese omnipräsente Ironie ist mit dafür verantwortlich, dass die kommerzielle Comedy-Szene in Deutschland in der kulturellen Belanglosigkeit vor sich hin krebst. Der Selbstanspruch großer deutscher Comedians ist es, beschämend viel Geld zu verdienen und ohne größeren intellektuellen Kollateralschaden durch ihr Programm zu kommen. Keiner will Geschichten erzählen. Wäre das der Anspruch, müssten sie sich ihre Witze ja selbst schreiben.

Dass Gadsby in diesem Programm ihre Comedy-Karriere beendet, wirkt nicht wie ein PR-Trick oder Koketterie. Es ist die logische Konsequenz einer gründlichen Überlegung. Sie hat sich neue, eigene Regeln auferlegt, Regeln, nach denen es in Ordnung ist, sensibel zu sein, die eigenen Gefühle und die von anderen zu achten, Regeln, nach denen nicht der härteste Stammtischspruch gewinnt. Diese neuen Regeln erlauben es ihr, zu erzählen, wie sie sich mit ihrer Homosexualität arrangieren musste und sich Stück für Stück zu dem Menschen aufbauen musste, der sie heute ist. Diese Geschichte will Gadsby erzählen, und diese Geschichte ist eben keine lustige. Gadsby ist wütend, sie hat jedes Recht, wütend zu sein. Aber genau wie Lachen ist diese Wut auch ansteckend. Und sie habe eben bei aller Wut, bei allen Tief- und Rückschlägen in ihrem Leben, nicht das Recht, sich in Zukunft immer wieder auf eine Bühne zu stellen und Wut im Publikum zu verteilen, sagt sie. Gadsby blickt erschöpft in den Saal: "weil ich meine Redefreiheit als Verantwortung sehe." Und in diesem Moment weiß jeder, der unter dem Kulturwandel, der Verrohung, den Kommentarspalten bei Facebook, der AfD-Politik und den Donald Trumps dieser Welt schon einmal gelitten hat, genau, was und wer damit gemeint ist.

Hannah Gadsby hat das Comedy-Programm geschrieben, das das Jahr 2018 verdient hat. Sie geht darin absichtlich nicht den einfachen Weg, den der bloßen und banalen Witze. Nanette kommt gerade rechtzeitig, während die westlichen Kulturen sich die Wucht der menschenverachtenden, rücksichtslosen und brutal vereinheitlichenden Rhetorik der Neuen Rechten bewusst machen müssen. Es ist die Zeit, in der das Sensible auf einmal lächerlich gemacht wird und das Irrationale die Diskussionen allein durch die schockierendste Beleidigung gewinnt. Nanette kann einem helfen, immer dann, wenn einem der Diskurs zu brutal wird.

Hannah Gadsby hat uns ihre Geschichte geschenkt und zwingt uns zur Empathie. Dabei zeigt sie, wie kraftraubend es ist, in einem System zu existieren, das einen weder will noch vorgesehen hat. Nanette ist ein Appell an den Feinsinn, der heute neue Wege gehen muss, wenn er weiterhin bestehen bleiben will. Das Gefühl bleibt richtig, nur die Methode ist eben falsch. Und falls es untergegangen sein sollte: Bei alldem ist Nanette atemberaubend witzig. Hannah Gadsby übt den Aufstand gegen unbedacht gewählte Sprache, wo alles immer the best ist. Gerade deswegen sage ich in voller Abwägung meiner Worte: Hannah Gadsby hat das beste Stand-up-Programm aller Zeiten geschrieben. Schade, dass es ihr letztes ist.

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