Harald Martenstein Über den Musikgeschmack von Katzen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 31/2018

Wieso gibt es überhaupt Musik? Ein Leser, Herr Dr. S., hat mich auf die CD Klassik für meine Katze aufmerksam gemacht. Sie präsentiere Musikstücke, die in besonderer Weise dem Musikgeschmack von Hauskatzen entsprechen. Dies sind unter anderem die Mondscheinsonate von Beethoven, das Wiegenlied von Brahms und die Goldberg-Variationen von Bach. Johann Sebastian Bach scheint bei Katzen ähnlich hoch im Rang zu stehen wie Kletterbäume, er steuert auch das zauberhafte Jesu bleibet meine Freude bei. Die CD kostet 4,99 Euro und scheint zurzeit vergriffen zu sein. Mein erster Gedanke war, dass genau diese Art von Musik halt typischen Katzenliebhabern gefällt. Die Katzenmenschen machen sich selbst eine doppelte Freude, erstens genießen sie die CD, zweitens wiegen sie sich in der Illusion, dass sie all dies für ihr geliebtes Haustier tun. Genau so ist es, später mehr dazu.

Dass auch andere Lebensformen als Homo sapiens mit Musik etwas anfangen können, ist relativ gut belegt. Ich erinnere mich an Zeitungsmeldungen, nach denen Kühe bei Musikberieselung mehr Milch geben und Pflanzen besser wachsen. Ein Forschungsteam unter Professor Hermann Bubna-Littitz will nachgewiesen haben, dass Katzen, die Klassik hören, weniger aggressiv sind und die Nähe des Lautsprechers suchen. Laute und disharmonische Geräusche finden Katzen scheußlich, das weiß jeder, erwartungsgemäß waren die Versuchstiere deshalb für Rock, experimentellen Jazz und Blasmusik nur schwer zu begeistern. Interessant wäre ein Versuch mit deutschen Schlagern.

Ein ähnliches Experiment wurde an der Universität von Wisconsin veranstaltet. In Wisconsin haben sie allerdings herausgefunden, dass Katzen Menschenmusik bestenfalls passabel finden, Bach ist nur Ersatzbefriedigung. Wenn man ihnen Katzenmusik vorspielt, also Musik, die speziell für Katzen komponiert wurde, flippen sie aus und fangen an, mit den Lautsprechern zu schmusen. Ich habe drei Komponisten gefunden, die Lieder für Katzen schreiben, es sind Charles Snowdon, Oliver Kerschner und David Teie. Sie arbeiten unter anderem mit Schnurrgeräuschen und Vogelgezwitscher. Auf YouTube kann man sich ein bisschen was davon reinziehen, ich finde, es klingt wirklich scheußlich, im Sinne von: schwerster Kitsch. Beim Zuhören wird einem erst so richtig bewusst, dass man tatsächlich keine Katze ist, auch wenn man im Leben schon mal geschnurrt hat. Katzenmusik verhält sich zu Menschenmusik wie Katzenfutter zu Spaghetti bolognese, ein paar Gemeinsamkeiten in der sinnlichen Wahrnehmung sind da, etwa das Aussehen, zur Not könnten Halter und Tier die Näpfe tauschen, aber man wird auf keinen Fall eine Zugabe fordern.

Natürlich habe ich sofort versucht, auch etwas über den Musikgeschmack von Hunden herauszufinden. Dazu wurde an der Universität Glasgow geforscht. Hunde sind wirklich völlig anders als Katzen. Sie mögen Softrock, vor allem aber Reggae. Finger weg von Bach! Nehmen Sie Brothers in Arms von Dire Straits und Buffalo Soldier von Bob Marley. Die einzigen Tiere, die tanzen können, ohne dass man sie dressiert, scheinen Kakadus zu sein. Das Bluesschema aber, hat die Biologin Marisa Hoeschele herausgefunden, wird von einigen Fischen durchaus wertgeschätzt. Wer ständig im Kreis schwimmt, kriegt den Blues. Die Beschwerden einiger schwarzer Musiker, dass Weiße wie Eric Clapton, Eric Burdon oder Rory Gallagher ihnen den Blues gestohlen haben, erübrigen sich somit. Wir Menschen haben den Blues von den Fischen nur geborgt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Also mit Klassik kann ich meine beiden Kater, Norweger, aus dem Zimmer scheuchen.
Bolero geht gerade so...sind aber keine oder kaum Streicher.
Der eine ist (wegen der Stimme) voller Fan von Asaf Avidan (vorallem das Konzert "Aux Folies de Bregere in Paris", hab ich auf Arte aufgenommen). Da liegt er einfach da und fängt zufrieden das Schnurren an.
Und überhaupt klangvolle, kratzige Männerstimmen, Joe Cocker z.B. Da schmilzt er dahin, erst Recht wenn man ihn besingt. (Ich denke dann immer nur: "Pray, pray, pray, Sir Robin....", denn genau so ein Weichei ist er).
Der andere steht auf Vibrationen, vornehmlich Reggae, Soul oder smoothe Elektromusik. Zur Zeit Parov Stelar, Amy Winehouse oder Bob Marley.
Die Bespannung meiner tollen Grundig FineArts ist ständig verhaart weil er sichs drauf bequem macht, aber ohne ein paar Katzenhaare ist man ja auch nicht richtig angezogen. Und solang er sich die und nicht den Plattenspieler raussucht solls mir Recht sein.
Ebenso bin ich froh, dass er nicht neulich freudig aufsprang, als ein Auto mit
"Aaahaaaatemlooos" vorbei gefahren ist.