© dpa

Markus Söder "Ich habe mal falsch geföhnt"

99 Fragen an Markus Söder. Von
ZEITmagazin Nr. 31/2018

Sein Büro im Fünfzigerjahre-Bau des Bayerischen Staatsministeriums der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat in Nürnberg. Markus Söder, 51, CSU-Politiker, seit März 2018 bayerischer Ministerpräsident – der fränkische Bulle, der Werwolf, der Antichrist. Der oft bemühten linksliberalen Meinungsführerschaft gilt er – seitdem Horst Seehofer schwächelt und selbst in seiner eigenen Partei immer mehr zum tragischen Fall wird – als die denkbar größte Provokation.

Fast alle Negativattribute des Politikerberufs (Machtbesessenheit, Gerissenheit, Kälte) werden ihm unterstellt. Unvergessen, wie Söder im Mai dieses Jahres – für viele offenkundig eine wahltaktische Maßnahme – den sogenannten Kreuz-Erlass verkündete (seit dem 1. Juni muss im Eingangsbereich jeder bayerischen Amtsstube ein Kreuz angebracht sein). In den vergangenen Wochen war der Ministerpräsident ein Hauptakteur einer Flüchtlingspolitik, die der AfD Stimmen wegnehmen und den Koalitionspartner und Angela Merkel in einen Rechtskurs hineinzwingen sollte.

Seitdem die Umfragewerte für die CSU vor der Landtagswahl am 14. Oktober nach unten rauschen, sucht er, wie viele CDU-Granden, nach Wegen, sich vom Bundesinnenminister abzusetzen (ob Horst Seehofer die nächsten Wochen politisch überlebt, war bei Redaktionsschluss nicht abzusehen). Ganz recht, in diesem Interview wollen wir nicht lustig sein – keine Gags, Mätzchen, launische Verbrüderung, dafür ist die Auseinandersetzung mit Söder zu ernst. Es ist auch eine Stilfrage: Darf man einen Politiker, der mit allen Mitteln kämpft, mit allen Mitteln befragen? (Der Journalist hier findet: Ja, darf man, muss man, Fragen stellen ist Notwehr.) Der große, breite Körper des bayerischen Ministerpräsidenten, sein großer Kopf. Er winkt den Besucher an einen Glastisch, seine Pressefrau nimmt neben ihm Platz. "Kurze Antworten?" Ja, bitte kurze Antworten.

1 Bier oder Weißbier?

Cola light.

2 Schach oder Mühle?

Dann lieber Mühle.

3 Säbel oder Degen?

Die Feder.

4 Stacheldraht- oder Maschendrahtzaun?


Er zögert. Er schaut seine Pressesprecherin an. Das aus dem Fernsehen bekannte Söder-Gesicht, in dem sich eine Mischung aus Amüsiertheit und Verachtung abspielt. Ist das Gespräch an dieser Stelle schon beendet? Innerlich hakt er die eh für unwahrscheinlich gehaltene Möglichkeit ab, dass dieses Frage-Antwort-Spiel ein Spaziergang, eine leichte Nummer werden könnte, und fährt den eisernen Vorhang herunter, mit dem er sich gegen die vielen Interviews wappnet, die ihn verletzt und ihm politisch nicht weitergeholfen haben. Rückblickend wird man sagen können, dass seit der "Stacheldraht- oder Maschendrahtzaun?"-Frage nicht mehr der Hauch einer Freundlichkeit in diesem Gespräch war.

Weder noch.

5 Nach Ihrem Empfinden: Wer hat das "Endspiel um die Glaubwürdigkeit" denn jetzt eigentlich gewonnen?

Das wird am Ende die Realität zeigen.

6 Nach Absagen aus Wien, Rom und Budapest: Werden Sie das Thema Zurückweisungen der Flüchtlinge an der deutschen Grenze nach der Sommerpause erneut auf die Tagesordnung setzen?

Jetzt wird doch verhandelt.

7 Ist Ihnen auch peinlich, wie es in den letzten Wochen in der Republik zuging?

Gut, dass etwas bewegt wurde. Aber das muss man nicht jede Woche wiederhaben.

8 War der Unionsstreit auch ein großes Schauspiel?

Die Medien haben da mehr daraus gemacht, als es eigentlich war.

9 Sind Sie Kopfpolitiker, und Seehofer ist Bauchpolitiker?

Horst Seehofer ist Horst Seehofer, und Markus Söder ist Markus Söder.

10 Ist der Horst Seehofer einfach schlecht drauf, weil er nicht mehr bayerischer Ministerpräsident ist?

Ich glaube, er handelt nach bestem Wissen und Gewissen.

11 Wäre ein Rücktritt Merkels besser gewesen, weil das der AfD ihre selbst erklärte Lebensversicherung genommen hätte?

Es geht um Sachfragen. Nichts anderes.

12 Wann haben Sie Angela Merkel endlich so weit, dass sie entnervt zurücktritt?

Absurde Frage.

13 Die Zahl der irregulären Grenzübertritte ist in Bayern so niedrig wie seit Jahren nicht mehr. War das, als die CSU in den Endkampf gegen ihren Koalitionspartner ging, auch egal?

Bei jedem Gesetzbruch muss der Staat tätig werden.

14 Hat das auch Spaß gemacht, die Republik und die ganze EU über Wochen im Würgegriff zu halten?

Wir haben etwas bewegt in Europa, was anderen jahrelang nicht möglich schien.

15 War die Schicksalsgemeinschaft der CDU/CSU immer nur Bla?

Die war nie gefährdet.

16 Was antworten Sie dem Bundespräsidenten, der vor einer Verrohung der Sprache warnt?

Gilt für alle. Auch für die Linke in Deutschland.

17 Was antworten Sie dem Grünen Robert Habeck, der erkennt, dass es der CSU im Kern um eine antieuropäische, nationalistische Politik geht?

Der arme Mann irrt.

18 Nach den neuesten Umfragen: Zahlt es sich aus, auf dem Rücken von Flüchtlingen Wahlkampf zu machen?

Macht keiner.

19 Was antworten Sie dem Journalisten Claus Strunz, der die Flüchtlingskrise für eine der Ursachen für das frühe WM-Aus der deutschen Mannschaft hält?

Gewagter Zusammenhang.

Die Verachtung des bayerischen Ministerpräsidenten ist schon auch toll. Er kann sie so unheimlich schlecht verbergen. Gleichzeitig hat es sich der Interview-Profi Söder in seinem "Ich sage so wenig wie möglich"-Karton gemütlich gemacht, es strengt ihn nicht besonders an – der für die Abwehr von Journalistenfragen zuständige Teil seines Gehirns läuft längst noch nicht auf Hochtouren. Wir schauen uns nun ein paar äußerliche Söder-Symptome an, etwa seinen Kurzhaarschnitt, wir konfrontieren ihn mit seiner charakterlichen Disposition.

20 Was ist da vorn an Ihren Haaren mit Ihrer Frisur los?

Ich habe mal falsch geföhnt. Die neue Frisur finden viele jetzt besser.

21 Was hat das bei euch CSU-Politikern zu bedeuten, wenn ihr euch die Krawatte glatt streicht?

Das sagt, dass die Krawatte glatt gestrichen werden muss.

22 Hing Ihr Idol Franz-Josef Strauß als Bild oder tatsächlich als Plakat über Ihrem Jugendbett?

Als Poster. In den Achtzigerjahren.

23 Mit welchem Hollywoodstar wird der Filmfan Söder gerne verglichen?

Ich bin kein Schauspieler.

24 Wahre Geschichte, dass Sie für Ihre legendären Fastnacht-Verkleidungen – als Punk, Homer Simpson, Shrek, Prinzregent Luitpold, Zauberer Gandalf und Marilyn Monroe – bis zu fünf Stunden in der Maske sitzen?

Drei bis vier Stunden.

25 Ist es besser, absolut lächerlich zu sein als total langweilig?

Meine Verkleidungen waren doch immer cool.

Kommentare

89 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren