© Robert Hamacher

Diana Kinnert "Ich bin halt der kleine Quoten-Superstar"

Mit 17 trat Diana Kinnert in die CDU ein, mit 24 war sie die jüngste Büroleiterin im Bundestag. Heute hat sie kein Amt mehr, aber viele verbinden sie mit ihrer Partei. Sie ist die erste Influencerin der Politik: Eine lesbische Migrantin, die für die Konservativen wirbt. Was macht diese Frau aus? Was kann sie? Und vor allem: Nutzt sie ihrer Partei, oder ist es eher andersherum? Von
ZEITmagazin Nr. 32/2018

Am Ende einer langen Woche, in der sie nach Köln zu einem Fußballturnier für Flüchtlinge gefahren ist, in München aus den Briefen von Nelson Mandela vorgelesen hat und in Regensburg mit Gloria von Thurn und Taxis über die AfD diskutiert hat, packt Diana Kinnert ihre Sachen, um einen Angelausflug nach Brandenburg zu machen.

Sie stiefelt durch ihre vollgestellte Studentenbutze in Berlin-Wedding. In der Küche steht ein umgedrehter Tisch, den sie seit Ewigkeiten in den Keller bringen will. Auf dem Fensterbrett stapeln sich ein Dutzend Exemplare ihrer politischen Autobiografie Für die Zukunft seh’ ich schwarz, die vergangenes Jahr erschienen ist. Nach vier Jahren wirkt es immer noch ein wenig so, als sei Kinnert gerade eingezogen. An der Wand lehnt, halb zugestellt von großen Paketen, ein meterhohes Schwarz-Weiß-Foto einer mädchenhaften Asiatin mit Pony. Ihre verstorbene Mutter.

Eigentlich sieht die 27-Jährige der Frau mit dem hübschen Gesicht ähnlich, doch das Mädchenhafte ist verdeckt. Sie trägt einen schwarzen Herrenhut über den langen Haaren, dazu eine beigefarbene Arbeiterhose. Sie hievt sich ihre Angeltasche über die Schulter. "Ich glaube, heute fang ich etwas", sagt sie.

Das Angeln ist Kinnerts Flucht aus ihrem Overdrive-Leben. Sie ist Geschäftsführerin von zwei Start-ups, schreibt an einem neuen Buch und reist durch die Welt, um über grüne und digitale Themen zu sprechen. Immer wenn es ihr zu viel wird, fährt sie an die Havel. Dieser Monat, der Juli, war besonders verrückt, weil Deutschland fast seine Regierung verloren hätte: Kinnerts Partei, die CDU, hatte sich beinahe unversöhnlich mit der CSU über die Grenzpolitik verkracht.

Seit drei Jahren streitet die Union über die Entscheidung der Kanzlerin, die in Budapest gestrandeten Flüchtlinge nach Deutschland einreisen zu lassen. Kinnert findet diese Entscheidung bis heute richtig. Sie sei nur falsch begründet worden. " Merkel hätte sagen sollen, dass es im nationalen Interesse war, die Flüchtlinge passieren zu lassen", meint sie. "Andernfalls hätte es das Risiko gegeben, dass Menschen vor unseren Grenzen gestorben wären. Das wäre ein Bild dafür gewesen, dass unser System versagt hat." Sie zählt sich zum liberalen Flügel der CDU, zu den Anhängern von Merkels Mitte-Kurs.

Kinnert ist ein seltsames Phänomen. Gibt man ihren Namen bei Google ein, erhält man 15.000 Treffer, obwohl sie derzeit weder Amt noch Macht besitzt. Nachdem sie bis Ende 2016 die jüngste Büroleiterin im Bundestag war, ist sie heute ein einfaches Parteimitglied. Dennoch sind über sie lauter Porträts mit Überschriften wie "Sieht so die Zukunft der CDU aus?" erschienen, oft ergänzt durch: "Sie ist jung, lesbisch und migrantisch." Sie ist ein gern gesehener Gast auf politischen Veranstaltungen – auch auf denen der ZEIT; irgendwie ist sie immer da und hat etwas zu sagen. Was sie genau sagt, daran erinnern sich hinterher viele nicht, weil sie in einem Überraschungsschock gefangen sind, dass so jemand wie sie in so einer Partei wie der CDU ist.

Eigentlich sollte man Diana Kinnert nicht als Politikerin, sondern als Politik-Influencerin bezeichnen. Als jemanden, die mit Auftritten, Instagram-Fotos und politischen Kommentaren auf Facebook für eine Partei wirbt.

Die Frage ist, ob sie der CDU nützt oder ob es eher andersherum ist. Viele Parteikollegen halten sie für ein Medienphänomen und fragen misstrauisch, ob sie überhaupt etwas kann, außer sich selbst darzustellen. "Für manche in der Partei ist sie natürlich eine Provokation", sagt der Staatssekretär Peter Tauber, der sie in seiner vorherigen Funktion als CDU-Generalsekretär kennengelernt hat. "Die fragen sich dann: Hat sie wirklich mal Parteiarbeit gemacht? Hat sie sich mal damit beschäftigt, wie man Kindergartengebühren ordentlich staffelt? Hat sie sich mal an der Kasse im Supermarkt dafür beschimpfen lassen, dass sie CDU-Mitglied ist?"

Viele Parteifreunde rollen mit den Augen, wenn ihr Name fällt. Doch es könnte sein, dass die CDU jetzt Typen wie sie braucht.

Kommentare

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Und was sagt uns dieser Artikel? Irgendwas gelernt? Junge Parteimitglieder, die Migranten, Lesben und Schwule sind, dürfte es noch so einige mehr geben, selbst in der CDU ein paar.

Atomaustieg, Islamkonferenz und Kanzlerin: alles Dinge, die schon länger von linken Parteien gefordert wurden. Kanzlerkandidatin gab es wirklich nur eine, aber da muss man sich auch fragen, ob das frauenfeindlich war oder nur niemand eine Quotenkanzlerin will (Merkel hat sich ja auch nicht durchgesetzt, speziell weil sie eine Frau ist).