Handtaschen Lächerlich klein

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 32/2018

Eigentlich war es die Frau, die die Hosentasche erfand, indirekt nämlich, indem sie die Rocktasche erfand. Während des Rokoko führten Frauen den nötigen Kleinkram wie Nähzeug, Taschentuch, Riechsalz oder Puder meist im kleinen Beutel mit sich. Diese Säckchen waren unter ihren weiten Röcken an einem Band um die Taille gebunden.

Später wurde diese Tasche nach außen verlagert, weil sie sich unter den engeren Empire-Kleidern abgezeichnet und die Kleider ausgebeult hätte. Am Rocksaum baumelten fortan reich verzierte Beutel mit Zugband. Diese Täschchen wurden Ridicules genannt, französisch: "Lächerlichkeiten", denn sie waren so klein, dass man kaum etwas von Belang hineintun konnte.

Die feinen Damen, die Ridicules trugen, wollten mit ihrem Äußeren mitteilen, dass sie es nicht nötig hatten, mit großen, ernsthaften Taschen herumzulaufen. Ridicules waren also reine Ziertaschen. Große Nutztaschen trugen hingegen Frauen, die auf den Feldern ihren Dienst taten und alles mit sich herumschleppen mussten, was sie für den Tag brauchten. Wer ein Ridicule mit sich führte, machte deutlich, dass es andere gab, die alle nötigen Gegenstände für einen trugen. Wer Ridicules hatte, hatte Personal, aber das Personal wurde mit der Zeit immer teurer.

Vor allem änderten sich auch die sozialen Vorzeichen: Im 20. Jahrhundert wollte die emanzipierte Frau unabhängig sein und alles, was sie im Alltag brauchte, selbst transportieren können. Mit der wachsenden Emanzipationsbewegung und den Erfolgen von Frauen in der Berufswelt entwickelte sich die Handtasche immer mehr zum wichtigen Alltags- und Gebrauchsgegenstand. Sie wurde zu einem Symbol neuer, selbstbewusster Weiblichkeit. Manche Handtaschen wurden so groß wie Reisetaschen.

Und nun sehen wir wieder kleine und kleinste Täschchen in den Kollektionen. Etwa bei Altuzarra, Loewe und Jacquemus. Mit dem Modell Le Sac Chiquito letzterer Marke hat sich neulich Kim Kardashian gezeigt. Man kann getrost annehmen, dass sie damit ein post-emanzipatorisches Statement abgeben wollte. Sie ist schon so unabhängig, dass sie nichts mehr tragen muss. Nur eine Tasche, in die ihre Kreditkarte passt.

Die Männer sind derweil einfach bei den Hosentaschen geblieben, in die sie alles hineinstopfen. Wo die Frau eine ganze Kulturgeschichte durchgemacht hat, beult sich beim Mann einfach immer noch die Hose an der Seite. Er hat aus der Vergangenheit nichts gelernt.

Foto: Peter Langer / Das Kleine ganz groß: Micro-Tasche von Giorgio Armani

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