Harald Martenstein Über schwindende Intelligenz

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 32/2018

Ich habe eine nachdenklich machende Mail bekommen, auf Englisch. Hier die gekürzte Übersetzung: "Wir sind von der Homeland Security und dem FBI damit beauftragt worden, Sie wegen Geldwäsche und Terrorismus zu verfolgen. Die Indizien sind überwältigend. Innerhalb von 72 Stunden werden Sie verhaftet. Sie können der Verhaftung entgehen, indem Sie 66 Dollar mit Western Union an die folgende Adresse überweisen." Der Geldeinzieher des FBI wohnt in Cotonou, Republik Benin.

Wenn solche Mails völlig erfolglos blieben, dann würde sich keiner mehr die Mühe machen, sie zu versenden. Ich habe mich gefragt, wer so dumm ist, dass er darauf hereinfällt. Ein Mensch, der so dumm ist, kann doch unmöglich die intellektuellen Herausforderungen einer Geldüberweisung bewältigen. Ist nicht auch die Dummheit ein Wunder der Schöpfung? Auch die Dummheit bringt Staunenswertes hervor.

In Europa sinkt seit den Neunzigerjahren der durchschnittliche Intelligenzquotient. Über das Tempo gibt es unterschiedliche Angaben, die, je nach Studie, von zehn bis zwanzig Punkte pro Jahrzehnt reichen. Der britische Ethnologe Edward Dutton checkt regelmäßig den IQ skandinavischer Wehrpflichtiger, der bei der Musterung ermittelt wird und so zuverlässig abschmilzt wie die Gletscher in den Alpen. Es scheint ein länderübergreifendes europäisches Phänomen zu sein, das mittlerweile gut belegt ist, aber für deutlich weniger Unruhe sorgt als der Klimawandel. Man weiß auch nicht so recht, was man dagegen tun könnte. Was ist die Ursache? Ich habe etliche Theorien gefunden. Manche behaupten, das Sinken des IQ sei eine Folge der Chemikalie PCB, andere halten das Phänomen für eine Folge des Jodmangels oder aber eine Begleiterscheinung der Überalterung, was für die skandinavischen Wehrpflichtigen sicher nicht zutrifft. Rechte machen gern den Islam und die Migration für den sinkenden IQ verantwortlich. Die Theorie, dass der Intelligenzschwund eine Nebenwirkung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft ist, dürfte dagegen eher bei Anhängern der Grünen auf Zustimmung stoßen. Ich vermute, dass Oskar Lafontaine den sinkenden IQ relativ einleuchtend aus dem US-Imperialismus ableiten kann. Und wenn man Wladimir Putin mitten in der Nacht weckt und fragt: "Warum werden die Leute immer dümmer?", dann sagt er garantiert: "Es liegt an den Schwulen." Ich dagegen würde sagen: "Die Schulen werden immer schlechter. Es sind die Bildungsreformen."

Eine andere Denkschule kritisiert einfach den IQ-Test. Der Test sage nichts über echte Intelligenz aus. Man müsste demnach so lange an dem Test herumfummeln, bis er wieder wunschgemäß funktioniert und, wie noch in den Achtzigerjahren, eine stetig steigende Intelligenz anzeigt. Dann wäre das Problem gelöst. Andere sagen, dass "Intelligenz", ähnlich wie "Geschlecht", nur ein soziales Konstrukt sei, also gar nicht existiere und folglich auch nicht sinken könne. In eine ähnliche Richtung geht der Vorschlag, in Zukunft lieber die "emotionale Intelligenz" zu messen. Da kann man nur hoffen, dass die nicht auch sinkt. Indizien dafür sehe ich.

In Wirklichkeit muss man sich über den sinkenden IQ keine Sorgen machen. Ein Dummer weiß nämlich nie, dass er dumm ist. Um seine Dummheit zu erkennen, bräuchte er ja Intelligenz. Der Satz "Ich bin dumm" kann folglich nur von einem halbwegs intelligenten Menschen gesagt werden. Das heißt, bei stetig sinkender Intelligenz löst sich das Problem irgendwann von alleine, weil alle sich für klug halten und mit sich selber total zufrieden sind.

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Oida ouk hähdoof (postmoderner Sokrusty, im Platoon apperlongiert)… Oida Depp, was weißt du denn schon? Da fehlt doch noch was im Reigen der Kognitionsflucht-Faktoren: Issnichwahrnänetrophes Verblöden beim Klicken der Tastaturen und Daddeln der Konsolen. Ich vermisse: MMOPRG, MUD, MUCK, MUSH, MUX (wollten Sie, lieber Sophist, nicht auch mal als „Muxx“ angeredet werden?!). Mach nur muh, dummer IKuh (was nebenbei beweist, daß Intelligenz intelsexuell ist) … Multi User eXperience – digitale Maieutik zielt auch auf „Selbstbefreiung, Selbstherrschaft und Selbstgenügsamkeit der sittlichen Persönlichkeit“ (aus Wiki, s.v. „Ich weiß, daß ich nichts weiß“). Nur könnte dabei die Fähigkeit zum Dialog mit den alten Kulturtechniken verkümmern.

Große Freiheit Nr. 42
Das macht die Liebe zum Quotienten – auf die Dauer, liebes Hirn, qualmt‘s hinter jeder Stirn.
Hier wird der Wahn selbst zum Patienten – selbst der Fachmann kann sich irr’n.
Man kann so süß in Pennen pennen – denn jeder Depp ist auf What’s App …
Groß ist die Crew der Tellijenten – zum In-Sein braucht es Knobel-Pep.

„Tellijent wollnse sein, tellijent? Total intellijent sind’se – wenn‘se wissen, wat ick meene – allet jroßet Latrinum!“