Jan Frodeno "Es hat keinen Sinn, seine Träume von jemand anderem zu übernehmen"

© Diana Pfammatter
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 32/2018

Als ich ein Kind war, hat Sport in meiner Familie keine Rolle gespielt. Doch während der Olympischen Sommerspiele in Seoul lief drei Wochen lang Sport im Fernsehen, und Olympia war das Hauptgesprächsthema. Ich war erst sieben Jahre alt, aber ich erinnere mich heute noch genau an den Vorgarten meiner Großeltern in Paderborn, in dem der Fernseher stand. Ich begriff, dass dieses Ereignis etwas ganz Besonderes sein musste.

Seit dieser Zeit träumte ich davon, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. In welcher Sportart, war mir völlig egal, ich wollte nur dabei sein. Später gab es eine Phase, in der ich davon träumte, Pilot zu werden. Vermutlich, weil mein Vater Hobbypilot war und ich ihm nacheifern wollte. Aber sobald es konkret wurde und ich etwa für eine Prüfung lernen sollte, kam alles schnell ins Stocken. Damals habe ich begriffen, dass es keinen Sinn hat, seine Träume von jemand anderem zu übernehmen, egal wie sehr man diese Person verehrt. Träume sind nicht übertragbar.

Mein Traum von Olympia dagegen blieb. Dass er dann tatsächlich wahr wurde, hat wohl auch damit zu tun, dass wir 1992 nach Südafrika ausgewandert sind. Damals, nach dem Ende der Apartheid, herrschte in Kapstadt, unserer neuen Heimat, eine gewaltige Aufbruchsstimmung: vorangehen, machen, Träume in Realität verwandeln, alles ist möglich, man muss es zumindest versuchen – diese Stimmung dort hat mich geprägt.

Für mich sind Träume grundsätzlich weit entfernt von der aktuellen Lebenswirklichkeit, auf den ersten Blick sogar zu weit weg. Eine Prise Unmöglichkeit gehört dazu. Wenn man sich an die Verwirklichung eines Traums macht, dann merkt man, es ist vielleicht sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Im nächsten Schritt wird diese Möglichkeit dann noch etwas realer. Wenn zum Traum ein Plan hinzukommt, wird daraus ein Ziel: zum Beispiel in diesem Jahr erneut den Ironman auf Hawaii zu gewinnen.

Nachdem ich 2008 meinen großen Traum von den Olympischen Spielen mit der Goldmedaille verwirklicht hatte, bin ich in den Jahren danach in eine tiefe Krise gerutscht. Es hat gedauert, bis mir klar wurde, dass ich eine neue Motivation, einen neuen Traum finden muss. Man braucht etwas Glück, um seinen Traum zu finden, und Mut, um ihm nachzugehen. Der erste Traum war ja noch zu mir gekommen, ich hatte nichts dafür tun müssen. Sich aktiv mit der Traumsuche zu befassen ist etwas ganz anderes. Deshalb haben so viele Leistungssportler Probleme, nach ihrem Karriereende etwas zu finden, das sie so ausfüllt, wie der Sport es getan hat.

Ich bin gelassener geworden. Meine Träume sind heute weniger an Erfolg oder Leistung geknüpft. Heute träume ich davon, zusammen mit meinem Sohn die Pyrenäen auf dem Fahrrad zu überqueren. Ob dieser Traum je wahr wird, steht in den Sternen: Mein Sohn ist erst zwei Jahre alt. Wenn er später nicht mitzieht, habe ich darauf nur begrenzten Einfluss. Und ich werde hoffentlich nie zu einem dieser Tennisväter, die mit der Peitsche hinter ihren Kindern stehen und ihnen ihre eigenen Träume aufzwingen.

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Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Mich würde so eine Erzählung von z. B. Girardelli interessieren.
Ich schätze er ist jetzt um 50 und hat an die zehn Vollnarkose Operationen durchgemacht. Und er braucht eine Stunde früh Gymnastik, dass er sich dann normal bewegen kann. Hat sich so ein extremer Einsatz mit so vielen Verletzungen gelohnt?
Oder Fußball. Seit langem gefällt mir Özil, weil er so schön und nicht aggressiv spielt und kann schneller als die Anderen spüren, was wer machen wird. Was er über Erdogan denkt interessiert mich nicht aber z.B. bei Korea-Tor ist er schon gelaufen als Kross noch überlegt hat was soll er tun. Und was hat er gedacht als er stehen geblieben ist. War es nicht mehr möglich ohne den Koreaner zu faulen ihn zu verhindern, dass er nicht auf den Tor schießt. Vielleicht würde man mit solchen Fragen doch näher und menschlich zum Özil kommen.