Kuscheltiere "Schreib doch mal über Schlafbär"

© Aline Zalko
Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 32/2018

Es ist vielleicht an der Zeit, kurz darüber zu schreiben, wie diese Kolumne entsteht. Es ist keineswegs so, dass meine Kinder erst aus der Zeitung erfahren, was ich über sie geschrieben habe. Wenn ich ein Thema im Kopf habe, dann frage ich zuerst die betreffende Tochter, was sie davon halten mag. Es ist erstaunlich, wie viele Ideen meine Kinder mir einfach aus dem Block streichen. Wenn ich dann den Text geschrieben habe, bekommt ihn zuerst das Kind zu lesen, was mitunter umfangreiche Korrekturen mit sich bringt. Oder auch einen neuen Text. Nach manchem Hin und Her ist schließlich eine Kolumne fertig. Juli macht die wenigsten Anmerkungen, dafür liest ihre Mutter umso genauer. Manchmal haben die Kinder auch eigene Vorschläge. Luna sagte neulich: "Du könntest mal über Schlafbär schreiben."

Über Lunas Schlafbär hätte ich wahrscheinlich nicht einfach so geschrieben. Er ist ein Stofftier und das einzige Stofftier, das ich kenne, das eines meiner Kinder ein Leben lang begleitet. Ich kenne so etwas sonst nur aus Kinderbüchern. Bei Lotta, Greta und Juli könnte ich nicht sagen, welches Stofftier ihnen länger etwas bedeutet hätte, es waren eher Lebensabschnittsgefährten. Manchmal für sehr kurze Lebensabschnitte.

Anders ist es bei Lunas Schlafbär: einem liegenden Stoffbären mit geschlossenen Augen. Sie bekam ihn von ihrem Onkel geschenkt, da war sie erst ein paar Wochen alt. Schlafbär war ihr Kissen, als sie ein Baby war, und kaum konnte man Luna in einem Buggy herumschieben, saß sie darin, Schlafbär, der für sie viel zu groß war, dicht an sich gedrückt. Schlafbär blieb immer der große Vertraute meiner ältesten Tochter. Immer ein Kamerad, ein großer Tröster. Solange Schlafbär da war, war die Welt gut. Aber ein Stofftier, das überall mit hingeht, kann auch schrecklich schnell verloren gehen. Wir haben sehr gebangt um Schlafbär. Einmal fiel uns nach einem Urlaubs-Rückflug aus Spanien auf, dass Schlafbär in einem Gepäckfach in Madrid liegen geblieben war. Es waren schlimme Stunden, bis wir ihn endlich im Fundbüro wieder abholen konnten. Es war das erste Mal, dass ich Angst hatte, das Urvertrauen meines Kindes, Papa würde alles immer hinkriegen, könnte Risse bekommen.

Schlafbär wohnt noch heute bei meiner Tochter neben dem Kopfkissen. Luna würde sich niemals von Schlafbär trennen. Sein Fell ist ihm ausgefallen, sämtliche Nähte sind aufgegangen und wieder genäht worden. Er sieht nicht mehr sehr vorzeigbar aus, aber einen Waschmaschinenbesuch würde er wohl nicht überleben.

Es gibt die Welt, in der wir leben, und die Welt, die wir uns vorstellen. Die Welt, in der wir leben, ist beschwerlich. In ihr werden wir nach Leistungen beurteilt, und die Menschen halten zu uns, wenn sie glauben, davon einen Nutzen zu haben. Die Welt, in der wir leben, ist voller Grenzen, die uns sagen, wohin wir gehen, was wir werden können und wann Schluss ist. In der Welt, die wir uns vorstellen, gibt es keine Grenzen, und ein kleines Mädchen wird von einem großen schlafenden Bären beschützt. Ich halte die Welt in unserer Vorstellung für die wichtigere. Ohne sie würden wir nicht bestehen. Ich wünsche jedem Kind einen Schlafbären.

"Papa, du weißt schon, dass das kein Stoffbär ist, sondern eigentlich ein Stoff-Faultier", sagt Luna. Das sind solche Korrekturen, die unerlässlich sind.

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