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Loredana Nemes "In Rumänien zählt ein Menschenleben nicht"

Als Erwachsene holte Loredana Nemes ihre Flucht aus Rumänien ein. Dann entdeckte sie die deutsche Literatur. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 32/2018

ZEITmagazin: Frau Nemes, Sie sind 1986, als 13-Jährige, mit Ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland geflohen. Davor verbrachten Sie mit Ihrer Familie fünf Monate im Iran. Wie kam es dazu?

Loredana Nemes: Mein Vater arbeitete im Auftrag des rumänischen Staates als Bauingenieur und Statiker für Kraftwerke in Schiras, und meine Mutter und ich besuchten ihn. Es war eine radikale Zeit damals. Es wurde dem Schah nachgetrauert, aber zeitgleich wurde das neue System gefeiert.

ZEITmagazin: Wie war das Leben in dieser völlig fremden Welt?

Nemes: Es war eine neue, großartige Welt, eine Art Erweckung. Zuvor hatte mein Horizont nur bis zu den Karpaten gereicht. Schiras war aufregend, voller Zauber – aber auch voller Gefahr. Eines Tages wurde die Schrift neu erfunden, und die Bärte wurden länger, das System wurde radikal. Ich war zwölf und musste mich verhüllen. Auf der Straße kamen Polizisten und zogen einem das Tuch mit Gewalt ins Gesicht, weil eine Haarsträhne nicht bedeckt war. Als Kind kannst du das nicht verstehen.

ZEITmagazin: Wann verließ Ihre Familie das Land?

Nemes: 1985, als sich der Krieg zwischen dem Iran und dem Irak verschärfte. Mit dem Bus flohen meine Mutter und ich aus der Stadt, durch die Wüste nach Bandar Abbas und dann über Rom zurück nach Bukarest.

ZEITmagazin: Blieb Ihr Vater zurück?

Nemes: Ja, er musste trotz des Krieges seinen Auftrag erfüllen. Er kehrte schließlich auch zurück – gegen den Willen des rumänischen Staates.

ZEITmagazin: War das der ausschlaggebende Grund, Rumänien zu verlassen?

Nemes: Das war der Moment, wo meine Eltern sagten: In Rumänien zählt ein Menschenleben nicht. Ich kann mich noch erinnern, wie meine Großmutter am Tor stand und weinte. Ich habe sie immer wieder geküsst und ihr gesagt, dass wir doch in zwei Wochen wiederkämen. Meine Eltern hatten mir nichts von ihren Fluchtplänen gesagt. Sie aber wusste Bescheid.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie im fremden Deutschland zurecht?

Nemes: Es gab verschiedene Phasen. Noch auf der Reise, im Prater in Wien, haben meine Eltern mich gefragt, wie ich es fände, wenn wir in Deutschland leben würden. Da dachte ich noch: Cool, jeden Tag Gummibärchen! Letztlich aber war meine Kindheit damals vorbei. Wir wohnten zwei Jahre in einem Asylantenheim auf engstem Raum. Und weil ich als Einzige Deutsch konnte, war ich die Übersetzerin im Asylprozess meiner Familie. Für mich als Kind waren das zu heftige Themen.

ZEITmagazin: Welche Spuren hat diese Lebensphase hinterlassen?

Nemes: Ihre Folgen tauchten auf, als ich längst erwachsen war. Mit 23 bekam ich erste Schlafstörungen. Zehn Jahre später waren sie erneut da. Ich konnte einfach nicht mehr schlafen. Nichts half. Ein Psychologe sagte mir: Nachts spricht die 13-Jährige, und wenn Sie ihr zuhören und sie weinen lassen, dann wird es besser. Und es wurde dann auch wirklich besser.

ZEITmagazin: Inzwischen sind Sie eine namhafte Fotografin. Wo haben Sie Ihr Handwerk gelernt?

Nemes: Zuerst studierte ich Mathematik und Germanistik. Aber es war nicht wirklich meins, also wollte ich mich an der Kunsthochschule bewerben. Dass ich dafür eine Präsentationsmappe erstellen sollte, fand ich beschissen. Ich wollte nicht, dass jemand mir sagt, ob ich gut bin oder schlecht, noch bevor ich irgendwas begriffen habe von dem, was ich tue. Nach einer Trennung ging ich nach Berlin und stieg als Autodidaktin in die Fotografie ein. Diese wurde zu meiner Rettung, genauso wie die Literatur. Im Nachhinein bin ich dankbar, deutsche Literatur studiert zu haben. Das Deutsche ist meine Fühl- und Muttersprache.

ZEITmagazin: Wie können deutsche Sprache und Literatur eine Rettung sein?

Nemes: In dieser Sprache ist so viel Raum, so viel Härte und Weichheit zugleich. Ich weiß, dass ich sie brauchte, um mich immer wieder gerade zu machen, zu fassen. Seit Neuestem höre ich der Lyrikerin Rose Ausländer zu, wie sie Gedichte liest. Sie klingt genauso wie jene wunderbare Frau, die mir die deutsche Sprache beigebracht hat, eine Siebenbürger Sächsin. Sie war 80, als ich geboren wurde, und mit 87 starb sie. Oma Schatzili war meine erste große Liebe.

ZEITmagazin: Wer war sie?

Nemes: Sie lebte mit meinen Eltern und mir in der gleichen Wohnung. Omi Schatzili hatte einen Buckel, der sie klein und mir nah sein ließ. Gern gingen wir miteinander spazieren, und dann lag ihre Hand stets auf meinem Kopf. Durch ihre Hand ist die Liebe in meinen Kopf geflossen und die kostbare deutsche Sprache. Die Liebe ist das Wurzelwerk, die Sprache meine Rettung.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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