Die großen Fragen der Liebe Warum wird sie erst jetzt ernst genommen?

© plainpicture/Cavan Images
Manchmal liegt man Mann und Kindern ewig in den Ohren, und sie helfen doch wieder nicht im Garten. Unser Paartherapeut verrät, warum manchmal nur die Abwesenheit hilft. Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 33/2018

Die Frage: Klaas kommt aus den Niederlanden und arbeitet für einen internationalen Konzern; Rosalie ist Krankenschwester und in ihrer schwäbischen Heimat verwurzelt. Rosalie pflegt mit großer Leidenschaft ihren Garten. Immer wieder gibt es Streit mit Klaas und den Kindern, weil diese die an sie delegierten Aufgaben wie Unkraut jäten, Hecken stutzen oder Rasen schneiden in Rosalies Augen nur schlampig erledigen. Dann erkrankt Rosalie und kommt erst nach sechs Wochen in Klinik und Reha zurück, noch sehr geschwächt – und ist perplex. Wie kann es sein, dass der Garten mitten im Sommer so gut in Schuss ist und nicht völlig verwahrlost, wie sie es erwartet hat? "Musste ich erst krank werden, um mich endlich durchzusetzen?", fragt sie.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Manchmal ist in Liebesdingen eine Abwesende mächtiger als eine Anwesende. Rosalie hat sich nicht vorstellen können, dass ihrer Familie ihre Schelte über mangelhafte Grünkompetenz ans Herz gewachsen ist und gerade in der Stille fortwirkt, die der Kummer über ihre Krankheit und ihre Abwesenheit hinterlassen hat. Klaas und die Kinder haben spontan die leere Stelle in der Familie durch die Pflege von Rosalies geliebten Pflanzen gefüllt. Ob diese Entwicklung anhält, wird auch davon abhängen, ob Rosalie in ihre alte Rolle der liebevoll zeternden Mutter zurückfällt oder die Chance nutzt, ihre nachlässigen Grünarbeiter in ihrer Bereitschaft zu fördern, den Garten als gemeinsame Aufgabe zu sehen. Nicht weil sie krank wurde, sondern weil sie der Familie gefehlt hat, hat diese Rosalies Wünsche ernster genommen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag)

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren