Harald Martenstein Über das Ende der Schauspielkunst

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 33/2018

Die Schauspielerin Scarlett Johansson finde ich gut. Deshalb bedauere ich es, dass Scarlett Johansson ihren Beruf aus politischen Gründen nicht mehr in vollem Umfang ausüben darf.

Ihr Beruf besteht darin, in die Haut anderer Menschen zu schlüpfen. Sie kann sich ihre Rollen aussuchen, das Angebot ist groß. Unter anderem war sie eine Außerirdische. Sie hat sogar, nur mit ihrer Stimme, ein intelligentes Computerprogramm gespielt, in das ein Nerd sich verliebt. Als sie dann eine Asiatin spielte, gab es zum ersten Mal eine Menge Ärger. Das war angeblich rassistisch. Wenn eine Weiße eine Asiatin spielt, ist das Rassismus, ganz egal, wie antirassistisch der Film womöglich ausfällt. Sie nimmt nämlich einer asiatischen Schauspielerin den Job weg. Allerdings gehen mehr Leute ins Kino, wenn Johansson auf dem Plakat steht. Dieses ökonomische Argument fällt unter "Populismus".

Nun wollte Frau Johansson in dem Filmprojekt Rub & Tug den Transmann Tex Gill spielen. Für ihre Verhältnisse wäre das ein kleiner Film, für den sie vermutlich ein Millionenangebot hat sausen lassen. Sie war auch Co-Produzentin, hat also Geld gegeben, statt nur welches zu nehmen. Die Geschichte hat sie offenbar fasziniert. Tex Gill gab es wirklich, er wurde als Frau geboren und arbeitete als Zuhälter, ein knallharter Typ, wie es heißt. Mit der Kohle bezahlte er sich seine Geschlechtsumwandlung. In puncto Steuerehrlichkeit war er ein Geistesverwandter von Uli Hoeneß und wurde deshalb zu 13 Jahren Knast verurteilt. Ein Sturm der Entrüstung brach los, nicht wegen dieses Urteils, sondern weil es sexistisch und transphob ist, wenn eine Frau einen Transmenschen spielt. Nur echte Transmenschen dürfen das. Johansson hat die Rolle zurückgegeben und sich auch als Produzentin zurückgezogen, vermutlich kommt der Film nicht zustande. Also kriegt jetzt niemand die Rolle. Immerhin wurde der antisexistischen Gerechtigkeit Genüge getan.

Ich habe schon mehrmals darauf hingewiesen, dass es mit der Kunst im Zeitalter der politischen Korrektheit zu Ende geht. Hier wäre also das Ende der Schauspielkunst zu vermelden. Jeder spielt sich selbst, immerhin ist das einfach. Zum Glück durfte ich noch Dustin Hoffman und Robin Williams in Frauenrollen sehen, als Tootsie und Mrs. Doubtfire, heute ginge das wohl nicht mehr, leider ist das kein Witz. Die bewegendste Darstellung eines Homosexuellen, die ich kenne, hat übrigens Michael Douglas in Liberace abgeliefert, ein Hetero der schlimmsten Sorte, aber gut ist er schon. Ich hoffe nur, dass nicht bald echte Außerirdische auftauchen und man die nicht diskriminieren darf, indem man sie spielt. David Bowie war super als Außerirdischer. Es geht natürlich immer um Jobs. Es ist mir ein Rätsel, wieso die Gewerkschaft der Polizei es sich bieten lässt, dass Maria Furtwängler eine Polizeikommissarin spielt.

Wenn sie das Leben von Mesut Özil verfilmen, könnte ich mir gut Tom Schilling in der Rolle vorstellen, aber aus Antirassismus läuft es wohl auf Elyas M’Barek hinaus, und wenn der nicht kann, nehmen sie Nazan Eckes. Heteromänner dürfen noch von Frauen gespielt werden, vorerst, die schöne neue Welt der Identitätspolitik hat ja gerade erst begonnen. In der schönen neuen Welt spielt es keine Rolle, wie gut jemand ist, sondern zu welcher Kaste die Person gehört, das war im alten Indien so ähnlich. "Gleiches Recht für alle" ist in der schönen neuen Welt als eine strukturell rassistische und sexistische Idee entlarvt worden.

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