Tony Visconti "Wenn ich allein bin, spreche ich mit dem Bild von David Bowie"

© Marco Grob
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 33/2018

Ich saß mal in einem Flugzeug und schlief sofort tief ein, nachdem die Maschine abgehoben hatte. Als ich aufwachte, war das Flugzeug gelandet, aber nicht auf einem Flughafen, sondern in einer Lichtung mitten in einem Wald. Durch das Fenster sah ich grasende Lämmer. Ich fragte mich, wo wir wohl waren. Neben dem Flugzeug war eine große Bühne, wie für ein Rockfestival. Ich stieg aus, um mir alles genauer anzuschauen. Auf einmal kamen viele Musiker, die meisten von ihnen hatten Blasinstrumente dabei. Wer mochten sie sein? Mir waren sie unbekannt. Ein kleines Mädchen, das im Flugzeug in meiner Nähe gesessen hatte, nahm meine Hand und sagte: Komm, wir wollen anfangen. Da begann die Band auch schon zu spielen. Eine wundersame Musik, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte. Hinter uns hatten alle anderen Passagiere aus dem Flugzeug sich auf den Boden gesetzt und lauschten der Aufführung. Da fragte mich das kleine Mädchen, ob ich nicht mitmachen wolle. Ich bat darum, den Bass spielen zu dürfen, und schloss mich der Band an. Es war ein befreiendes Gefühl, da mitzumachen. Wir führten seltsam verschlungenen Rock ’n’ Roll auf. Ich war so glücklich. Als das Konzert vorbei war, kam das Mädchen, schüttelte meine Hand und sagte: Du bist jetzt endlich zu Hause angekommen. Da dämmerte mir, dass ich wohl tot und im Jenseits war. Das Flugzeug war nicht gelandet, sondern abgestürzt. Ich war also im Schlaf gestorben – aber unfassbar glücklich.

Als ich aufwachte, war ich immer noch froh – und verwirrt. Meine Träume sind oft wie lange, sehr realistische Filme. Ich schrieb diesen Traum an jenem Morgen in einer Mail auf, die ich David Bowie schickte. Meine seltsame Geschichte hat ihn sehr bewegt. David wollte nicht sterben, ich dagegen hatte noch nie Angst vor dem Tod. Jetzt bin ich in meinen Siebzigern, da macht man sich zwangsläufig Gedanken über die Endlichkeit: Wie viel Zeit bleibt mir? Wie werde ich sterben?

Auf dem Schreibtisch des Arbeitszimmers in meinem Studio stehen ein Grammy und ein Porträt von David, auf dem er verblüffend lebendig aussieht. Wenn ich allein bin, spreche ich oft mit dem Bild. In dem Raum habe ich unglaublich viel Zeit mit David verbracht. Manchmal spüre ich seine Anwesenheit, ohne genau zu wissen, ob er nun da ist oder nicht. Trotzdem frage ich ihn immer wieder um Rat. Ich sage dann: David, was meinst du zu diesem und zu jenem? Natürlich antwortet er nicht. Aber ihn zu fragen hilft mir, auf eine neue, frische Art über die Dinge nachzudenken. Mit meiner Mutter, die vor einigen Jahren gestorben ist, kommuniziere ich ähnlich. Diese beiden Menschen waren in meinem Leben sehr wichtig. Ich höre und sehe sie nicht mehr, aber ich spüre sie. Deshalb habe ich auch nicht das Gefühl, dass sie verschwunden sind. Sie werden mich begleiten, bis zu meinem Tod.

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