Cowboystiefel: Wild Wild West

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 34/2018

Bei den Frauen sind Cowboystiefel auf dem Vormarsch, man sieht sie beispielsweise in den Kollektionen von Calvin Klein Collection, Etro und Chloé. Bei Alexander McQueen haben sie einen hohen Schaft, bei Isabel Marant reichen sie sogar bis übers Knie, und bei Rochas sind sie in Schlangenleder-Optik gestaltet. Natürlich eignet sich keiner dieser Stiefel wirklich zum Reiten, dazu sind sie viel zu empfindlich. Der klassische Cowboystiefel hingegen ist eher ein Werkzeug als ein Kleidungsstück.

Beim Western-Boot schützt robustes Rind-Oberleder den Fuß, um den Cowboys all den Ärger vom Leib zu halten, der in der Prärie lauert. Nämlich Dornengestrüpp, Klapperschlangenzähne, Rinderhörner, Pferdehufe. Die Sohle hingegen ist relativ dünn, um ein besseres Gefühl für den Steigbügel zu ermöglichen. Der Schuh ist vorn ungewöhnlich schmal, damit man besser in den Steigbügel hineinkommt. Derweil sorgt ein vier bis fünf Zentimeter hoher Absatz dafür, dass der Stiefel nicht komplett durch den Bügel hindurchrutscht. Die Absätze sind abgeschrägt, damit sie nicht so schnell abbrechen, zudem lassen sich Reitsporen daran anbringen.

Das Vorbild des Cowboystiefels kommt übrigens aus Hessen. Die Western-Boots sind nämlich dem britischen Wellington-Boot nachempfunden, und dessen Vorbild wiederum war der hessische Kavalleriestiefel. Im 19. Jahrhundert trugen die Soldaten der leichten Kavallerie des Kurfürstentums Hessen solche Reitstiefel mit Absätzen. Die leichte Kavallerie war militärisch einmal als Geheimwaffe gedacht. Sie sollte – im Gegensatz zur schweren, gepanzerten Kavallerie – für schnelle Vorstöße und Überfälle zuständig sein. Militärisch haben die leichten Reiter nie wirklich ihre Schlagkraft bewiesen. Dafür sahen sie aber sehr gut aus, mit ihren hohen Hüten und vielknöpfigen Uniformen. Die allererfolglosesten Kavalleristen waren wohl die des hessischen Kurfürstentums. Denn die führten nur einmal Krieg – und zwar gegen die Preußen. Den verloren sie, und daraufhin wurde Kurhessen annektiert. Die außerordentliche Leistung dieser Reitertruppe war es also, dermaßen gut auszusehen, dass ihr Look es bis in die britischen Adelshäuser und schließlich auch über den Atlantik schaffen konnte.

Vielleicht liegt das Geheimnis dieses Stiefels neben dem sehr maskulinen Image ja auch darin, dass er einer der wenigen Männerschuhe mit Absatz ist. Man sieht darin nicht nur männlich, sondern auch größer aus. Nur fair, dass dieser Vorteil nun auch der Damenmode zuteilwird.

Foto: Peter Langer / Auch außerhalb der Prärie ein Blickfang: Western-Boots von Isabel Marant

Kommentare

12 Kommentare Seite 2 von 2 Kommentieren

Böse Zungen behaupten ja das die Modebranche von Wiederholungen lebt. Ich glaube es war so Ende der 90er als Cowboys-Boots und Hüte bei den Frauen beliebt waren. Die letzten Männer die ich mit diesen Stiefeln gesehen habe waren Zuhälter und 50 jährige Zahnärzte die am Wochenende auf ihrer Harley denn harten Mann markierten. Die Dinger sind mittlerweile so peinlich das ich mich wundere das die Hippster sie noch nicht für sich entdeckt haben.

Meine ersten Cowboystiefel trug ich Ende der 1970er, meine letzten Ende der 80er. Das war ein Riesen Hype damals, auch Frauen trugen diese Dinger. Die Varianten nahmen in den 90ern immer groteskere Züge an, von verzierten Metallspitzen bis hin zu zirka zwei Zentimeter dicken Sohlen mit grobem Profil, die dem Asphaltcowboy auch nüchtern nach hinten kippen ließen. Solche Peinlichkeiten sparten sich die Cowgirls jedoch.
Das wars dann auch mit den Stiefeln. Danach sah man keine mehr, außer bei alt eingefleischten Trägern, die nicht wirklich aus den 80ern herauskamen. Da half und hilft auch kein Stiefelknecht.
Nun kommen Sie also wieder, wie die Jeans mit Schlag, die es auch immer öfter auf den Straßen zu sehen gibt. Nichts wirklich Neues: copy and paste halt. Das einzig Beständige ist halt nicht nur das Vergängliche.