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Daniil Simkin "Das Tanzen zwingt mich, extrovertiert zu sein"

Als Kind quälten den Tänzer Daniil Simkin oft düstere Gedanken. Dann tanzte er sich davon frei. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 34/2018

ZEITmagazin: Herr Simkin, Ihre Eltern waren auch Tänzer. Hatten Sie überhaupt eine Chance, etwas anderes zu werden?

Daniil Simkin: Meine Eltern waren im Alter von zehn Jahren aufs Internat geschickt worden, um eine Tänzerausbildung zu machen. Gerade deshalb übten sie keinen Druck aus.

ZEITmagazin: Wann haben Sie angefangen?

Simkin: Mit fünf Jahren tanzte ich in einer Vorstellung meines Vaters, da war ich das süße Kind. Als ich neun war, sagte meine Mutter: Jetzt musst du dich entscheiden. Zu der Zeit habe ich auch noch geturnt und war hessischer Turnmeister. Ich habe mich für das Tanzen entschieden, weil ich es schon damals liebte, auf der Bühne zu sein.

ZEITmagazin: In Deutschland stoßen männliche Balletttänzer immer noch auf Vorurteile. Wurden Sie gehänselt?

Simkin: Anfangs hatte ich kein Bedürfnis, meine Klassenkameraden wissen zu lassen, dass ich Ballettunterricht nahm. Die Akzeptanz fand jedoch sehr organisch statt, als meine Mitschüler erfuhren, dass Tanz meine Leidenschaft war. Negative Bemerkungen oder Versuche, mich hier oder da zu verunsichern, gab es auch, aber im Großen und Ganzen war es für mich kein Problem.

ZEITmagazin: Wenn man jung ist, steht oft das Vergnügen im Vordergrund, nicht die Pflicht. Haben Sie in Ihrer Jugend nie rebelliert?

Simkin: Ich hatte gar keine Zeit dazu. Es gab die Schule, und es gab die Ausbildung zum Tänzer, die mit meiner Mutter stattfand, je zwei Stunden an sechs Tagen die Woche. Es wurde für mich zu einer Art Sucht, sehr beschäftigt zu sein, und das hat sich durch mein Leben und meine Karriere gezogen. Ich war immer busy. Ich mag es, wenn mein Leben strukturiert ist und ich nicht zu viel Zeit habe, alles zu analysieren. Ich bin jemand, der viel nachdenkt, und durch die Gedanken werde ich schwer. Ich suche immer die Leichtigkeit.

ZEITmagazin: Ist es nicht anstrengend, ständig 100 Prozent oder mehr zu geben?

Simkin: Viel beschäftigt sein ist für mich kein Stress, sondern Stimulation. Gerade war ich in Singapur und Hongkong. Von dort bin ich für einen Tag nach New York geflogen. Das sind 15 Stunden Flug. Jetzt bin ich für fünf Tage in Berlin, danach fliege ich nach Argentinien. Ich habe verinnerlicht, dass ich nur 100 Prozent geben kann, und genau das gibt mir Leichtigkeit. Ich bin glücklich, weil ich so beschäftigt bin.

ZEITmagazin: Ihre Laufbahn ist eine einzige Erfolgsstory. Gab es in Ihrem Leben nie eine schwierige Lebensphase?

Simkin: Das war, bevor ich mit dem Tanzen anfing. Ich war ein sehr schwermütiges und gleichzeitig hyperaktives Kind. Meine Oma sagte, dass es mit mir sei, als würde sie auf drei Kinder gleichzeitig aufpassen. Ich hatte so viel Energie, ich lachte und weinte gleichzeitig. Es waren sehr starke, widersprüchliche Emotionen. Ich war erst fünf Jahre alt, hatte aber damals Suizidgedanken.

ZEITmagazin: Gab es dafür einen besonderen Grund?

Simkin: Wenn ich nicht das bekam, was ich wollte. Dann dachte ich: Was wäre, wenn ich jetzt einfach nicht weiterleben würde? Es würde alles so viel leichter sein, dann müsste ich das jetzt nicht mehr fühlen. Ich wusste nicht, wie ich mit meinen Emotionen umgehen soll.

ZEITmagazin: Wann endete diese schwere Lebensphase?

Simkin: Mit neun, als ich ein Ziel im Leben hatte. Dieses Ziel, Tänzer zu werden, war meine Rettung. Auch meine Eltern haben mir geholfen. Sie lehrten mich, wie ich mit dem Leben umgehen soll. Heute akzeptiere ich die Dinge, die ich nicht ändern kann, und versuche, jene zu ändern, die ich ändern will.

ZEITmagazin: Ihre Eltern sind Russen, Sie sind in Deutschland groß geworden. Wie würden Sie Ihre Identität beschreiben?

Simkin: Ich habe eine slawische Seele, fühle mich aber nicht als Russe. Ich sehe meine Sprache als Metapher, ich spreche Russisch, Englisch, Deutsch und ein wenig Französisch, jede Sprache mit ein bisschen Akzent. Ich bin in keiner Sprache perfekt, und so ähnlich ist es mit meiner nationalen und seelischen Identität.

ZEITmagazin: Sie sagen, Sie hätten sich vorgenommen, nicht arrogant zu werden. Wie kommen Sie darauf, dass Sie es werden könnten?

Simkin: Zu denken, man sei besonders, ist eine Versuchung, wenn Ruhm und bestimmte Privilegien kommen. Aber nur weil ich auf der Bühne stehe, bin ich kein Halbgott. Ich bin vielleicht besser im Tanzen als andere, aber als Mensch habe ich deshalb keinen größeren Wert als andere Menschen. Eigentlich bin ich ein introvertierter Mensch. Das Tanzen zwingt mich, extrovertiert zu sein.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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Ein Weltstar des Balletts wechselt im bestem Alter von einer der größten und renommiertesten Compagnie der Welt in eine zweitklassige deutsche Compagnie.
Die Motivation hierfür hätte ein interessanter Aspekt im Interview sein können.

Auch wenn Simkin sicher weiter viele internationale Engagements haben wird, dürfte vermutlich nicht nur die Sehnsucht nach deutscher Lebensart, der Grund für diesen erstaunlichen Wechsel sein. Vielleicht erhofft er sich aus der Kombination aus klassischem Ballett und Tanztheater a la Waltz neue Inspirationen und eine längere aktive Zeit auf der Bühne.

Ob aber das Stattsballett Berlin das Experiment Sasha Waltz überlebt?