Harald Martenstein Über die Hitze, die Männer und das Wasser

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 34/2018

Es war wahnsinnig heiß, und ich wollte auf dem Land eine Kolumne über den Sommer schreiben. Die Hitze ist eine Folge der EU. Das europäische Wetter wird heimlich angeglichen, Gleichheit der Lebensverhältnisse. Ich dachte: "Wenn ich dafür keinen Shitstorm kriege, weiß ich auch nicht."

Dann kam ein Anruf aus Berlin. Meine Frau sagte: "Um die Ecke hat es eine Schießerei gegeben. Was Arabisches." Die Leute erzählten das. Es wimmele von Polizei. Angeblich handele es sich um eine Beziehungstat, die Leute erzählten auch dies. Zuerst hätten sich ja alle gefreut, weil man bei der Knallerei gedacht habe: Endlich ein Gewitter.

Ich habe den Vorfall gegoogelt. Bei "Schießerei Kreuzberg" gab es 20.000 Ergebnisse. In den Nachrichten war nur von einer "Auseinandersetzung" und von "Männern" die Rede. Ein Mann habe sich vor das Lokal gestellt und ausdauernd auf das Lokal gefeuert, während im Inneren des Lokals weitere Auseinandersetzungen unter Männern stattfanden. Die Festnahme des Schützen sei missglückt, dieser habe den Tatort nämlich rasch verlassen. Männer sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand, müssen immer weiter.

Ich ärgere mich jedes Mal, wenn in den Polizeimeldungen pauschal von "Männern" die Rede ist. Kein Mann, den ich kenne, würde in ein Lokal reinschießen, von denen kann überhaupt keiner schießen. So was soll nur die Männerfeindlichkeit anheizen, das steckt dahinter. Sie müssten fairerweise "Person" schreiben. Ich will nicht jeden Tag lesen müssen: "Ein Mann hat etwas Kriminelles getan." Das ist eine Zuschreibung. Männer werden öfter angezeigt, daran liegt es doch. Männer werden öfter kontrolliert, und zwar nur weil sie Männer sind. Dass die Gefängnisse voller Männer sind, beweist doch vor allem eines: Deutschland ist strukturell sexistisch.

"Es gibt übrigens auch kein Wasser mehr", sagte meine Frau am Telefon. – "Hat der Mann tatsächlich in die Wasserleitung geschossen? Ein Lokal kann man doch unmöglich verfehlen. Das war eines von diesen Bundeswehrgewehren, die keine Hitze vertragen." – "Man weiß nicht, woran es liegt." Ein Nachbar habe morgens an der Tür geklingelt und gefragt, ob er mal aufs Klo dürfe. Es sei dringend. Aber kein Klo funktioniere. Bei dieser Hitze!

Arbeiter seien gekommen. Männer baggern wie blöde. Die Leute liefen auf die Straße und riefen: "Wir brauchen Wasser! Gebt uns Wasser!" Der Chef sagte: "Laut Berliner Wassergesetz darf die Wasserversorgung jedes Bürgers für 48 Stunden unterbrochen werden, also bleiben Sie mal ruhig." Männer nehmen alles ganz genau.

Es gibt einen Hydranten in der Nähe. Aus dem Hydranten fließt eine braune, übel riechende Brühe, für die Klospülung reicht es vielleicht. Am Hydranten hat sich eine kleine Menschenschlange gebildet, mit Kanistern und Eimern. Es gibt Duschtourismus.

"Warum geht ihr nicht ins Schwimmbad?", fragte ich. Die Frage hätte ich mir sparen können.

Vor den Berliner Freibädern warten die Menschen zwei Stunden. In Pankow musste die Polizei kommen, weil die Menge Anstalten machte, das Bad zu stürmen. Seit dem Jahr 2000 sind 1.600 Bäder in Deutschland geschlossen worden, aus Geldmangel, von den restlichen müssten die meisten saniert werden, dazu wären vier Milliarden Euro erforderlich. Der nächste in einem Besserverdienendenviertel wohnhafte Dödel, der schreibt: "Deutschland ist ein reiches Land", kriegt von mir im Namen Deutschlands eine Verleumdungsklage. Schließ mal nicht von dir auf andere, du Dödel. Damit meine ich niemanden persönlich. Männer sind so verletzlich. Hört Männer von Grönemeyer.

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