© Nora Krug

Heimat Der Erinnerung auf der Spur

Die Künstlerin Nora Krug recherchierte die Geschichte ihrer Familie im Zweiten Weltkrieg und zeichnete diese nach. Entstanden ist ein illustriertes Tagebuch über Deutschland, das zeigt, wie stark die Frage nach Schuld und Unschuld das Heimatgefühl prägt. Von
ZEITmagazin Nr. 34/2018

Vielleicht war es dieser Moment in Norditalien, der alles ins Rollen brachte. Nora Krug war damals zwölf Jahre alt und mit ihren Eltern in den Sommerferien unterwegs. Zufällig stießen sie zwischen Bologna und Florenz auf einen Militärfriedhof, auf dem über 30.000 deutsche Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg begraben liegen. Intuitiv zog es den Vater in die Friedhofskapelle, wo man das Namensregister der Gefallenen einsehen kann. Sein Finger glitt die Buchstabenreihen hinunter. Bei K angekommen stieß er plötzlich auf Franz-Karl Krug – den Namen seines Bruders, der 1944 mit 18 Jahren gefallen war. Und nach dem er benannt worden ist. Die Eltern hatten ihm, als er wenige Jahre später auf die Welt kam, den Namen des großen Bruders gegeben, den er nie kennengelernt hatte. Es war ein ungeheurer Zufall – der Vater hatte von dem Grab nichts gewusst. Damals sehnte sich Nora Krug danach, dem Onkel näherzukommen. Wer war er gewesen, was hatte er gefühlt und gedacht? Und was hatte die Lücke, die sein früher Tod hinterlassen hatte, mit ihrer Familie gemacht?

"Wer im Ausland lebt, ist stärker mit seinem Deutschsein konfrontiert als jemand, der zu Hause bleibt", sagt Nora Krug. © Nora Krug

Nora Krug, 1977 in Karlsruhe geboren, hat eine Professur an der renommierten Parsons School of Design in New York und ist für ihre Arbeit als Illustratorin und Autorin vielfach geehrt worden. Rund drei Jahrzehnte nachdem sie am Grab ihres Onkels stand, hat sie diesen Moment künstlerisch verarbeitet – in einem Buch, das jetzt unter dem Titel Heimat in Deutschland erscheint. Inspiriert von japanischen Comics und essayistischen Dokumentarfilmen, erzählt Krug in Heimat in einer grundsätzlich neuen Form von ihrer Suche nach familiären Wurzeln und deutscher Identität. Man könnte es als illustriertes Tagebuch bezeichnen – als Sammelalbum, in das die Autorin Erinnerungsstücke geklebt, Gedanken notiert und Bilder gezeichnet hat. Illustrationen und kleinformatige Geschichten im Comic-Stil, alte Fotografien und historische Dokumente bilden, in 15 Kapitel unterteilt, eine gewaltige Collage. Man fühlt sich wie in einem Wimmelbuch für Kinder, und auch wenn es hier nicht um Zirkus oder Piraten geht, sondern um Wehmut und Verlust, ist Heimat erstaunlich leicht und unsentimental.

Früher oder später befällt fast jeden Menschen der Wunsch, sich der eigenen Wurzeln zu vergewissern. Herauszufinden, wo man herkommt und was das alles mit einem selbst zu tun hat. Erst seit einigen Jahren können Deutsche Akten aus den Entnazifizierungsverfahren der Alliierten in der Nachkriegszeit einsehen – für viele ein Anlass, sich selbst ein Bild davon zu verschaffen, was ihre Vorfahren in der NS-Zeit gemacht haben. Nora Krug – groß, dunkelhaarig, schlank – hofft, mit ihrem Buch auch andere zu Recherchen anzuregen. Beim Interview sitzt sie kerzengerade an einem Berliner Kaffeehaustisch und sagt: "Die letzten Augenzeugen sterben, und künftig wird das Thema viel distanzierter vermittelt werden."

Das Bedürfnis, dieses Buch zu machen, hat sich über viele Jahre aufgebaut. Womöglich begann es mit Krugs Umzug nach New York, wo sie mit Mitte zwanzig an der School of Visual Arts Illustration studierte. Als Deutsche im Ausland empfand sie sich als Repräsentantin ihres Landes – und verspürte, wenn man sie fragte, woher sie komme, oft eine lähmende Sprachlosigkeit. Wildfremde Menschen teilten ihr auf Partys mit, sie würden niemals nach Deutschland reisen, weil es immer das Land der Nazis bleiben werde. Schon früher, bei einem Schüleraustausch in England, hatte man sie spaßeshalber mit "Heil Hitler" begrüßt, und auch bei anderen Auslandsaufenthalten hatte man sie mit Klischeevorstellungen konfrontiert, wonach in Deutschland überall "Verboten!" stehe und die Menschen dort furchtbar humorlos seien und einander in militärischem Ton herumkommandierten.

All das verunsicherte Krug. Hinzu kamen Schuldgefühle aus der Schulzeit. Als Gymnasiastin hatte Krug wie üblich Klassenausflüge zu Konzentrationslagern unternommen und sehr ausgiebig Vergangenheitsbewältigung betrieben. Doch Recherchen etwa darüber, was in der eigenen Stadt oder Straße passiert war, wurden nicht angeregt. Angesichts des kollektiven Grauens ging der Blick auf die eigene Familie verloren. Krug empfand eine abstrakte und pauschale Schuld für das, was die Generation ihrer Großeltern getan hatte. Gleichzeitig tat sie sich mit dem Begriff Heimat schwer. Heute sagt sie: "Die starke Auseinandersetzung mit den Gräueltaten der Nazi-Zeit war sehr wichtig. Aber leider haben wir in der Schule nicht gelernt, wie man den kritischen Blick in etwas Positives umwandeln kann."

© Illustration: Nora Krug

Krugs Befangenheit aus der Schulzeit wurde in New York, wo sie inzwischen seit 16 Jahren wohnt, nur noch größer. "Wer im Ausland lebt, ist stärker mit seinem Deutschsein konfrontiert als jemand, der zu Hause bleibt", sagt Krug. Sie zitiert Hannah Arendt, um zu beschreiben, warum ihr Schuldgefühl in New York stärker ist als etwa in Karlsruhe: Wo alle schuldig sind, ist es keiner. Wenn sie in der New Yorker U-Bahn auf Deutsch mit ihren Eltern telefoniert, ist sie verlegen, denn es könnte da ja jemand sitzen, dessen Familie durch ihr Volk ermordet worden ist. In Gesprächen versucht sie, nicht als Deutsche aufzufallen. Viele Amerikaner hätten gar keine Ahnung, wie gründlich der Holocaust in deutschen Schulen behandelt werde und wie rückhaltlos sich die Deutschen mit diesem Teil ihrer Geschichte befassten.

Nach ihrer Ausbildung hat Krug für die New York Times und andere Zeitungen gearbeitet, hat Animationsfilme gedreht, Bücher illustriert und Bildergeschichten geschrieben. Immer wieder hat sie sich mit dem Thema Krieg beschäftigt, es ist ihr Lebensthema geworden. Sie recherchierte zum Beispiel die Geschichte eines japanischen Soldaten, der im Zweiten Weltkrieg auf den Philippinen kämpfte, vor den Amerikanern in den Dschungel floh und sich dann – in der Annahme, der Krieg sei noch nicht zu Ende – 29 Jahre dort versteckte. Eine weitere Bildergeschichte handelt von einem amerikanischen Soldaten, der in Südkorea stationiert war, über die Grenze nach Nordkorea lief und 39 Jahre lang gezwungen war, dort zu leben.

Irgendwann merkte sie, dass ihr Interesse am Krieg mit ihrer deutschen Herkunft zu tun hatte – dass sie eigentlich die eigene Geschichte erzählen wollte, sich aber scheute, als Nachkomme der Tätergeneration diese Perspektive einzunehmen. Erst als ihr Agent sie ermutigte, genau das zu tun, nahm Heimat Gestalt an.

Zwei Jahre lang habe sie überlegt, wie sie ihre Geschichte erzählen könne, sagt Nora Krug. Anfangs hatte sie große Selbstzweifel, ob es ihr überhaupt zustehe, ein Buch über ihre Familie im Zweiten Weltkrieg zu schreiben. Es gab ja bereits so viel eindrucksvolle Literatur über den Krieg und das NS-Regime, was hatte sie da noch beizutragen? Hatte sie überhaupt etwas zu erzählen? In ihrer Familie gab es weder Kriegsverbrecher noch Opfer noch Widerstandskämpfer. Sondern vor allem Mitläufer. "Bei diesen Menschen ist die Schuldfrage viel schwerer zu definieren. Man kann weder Schuld noch Unschuld klar beweisen. Wie geht man damit um?", fragt Krug. Ihr Ziel war es, die Lebensumstände der Generation ihrer Großeltern so genau wie möglich zu rekonstruieren und damit die Grenzen der eigenen Empathie für Entscheidungen ihrer Vorfahren auszuloten.

© Illustration: Nora Krug

Nach ersten Recherchen kristallisierten sich zwei Personen heraus, über die sie mehr herausfinden und an deren Schicksal entlang sie ihre Reise in die Vergangenheit erzählen wollte: zum einen der Bruder ihres Vaters, an dessen Grab sie als Mädchen in Italien gestanden hatte und der, wie sie erst über ihre Recherche erfährt, kurz vor Kriegsende in die SS eingezogen worden und, so steht es im Buch, "als Kanonenfutter verheizt" worden ist. Der Vater ihres Vaters starb kurz nach dessen Geburt. Als "Wildwuchs" hat Krugs Vater sich selbst beschrieben, denn seine Mutter vernachlässigte ihn, und von der Schwester hat er sich entfremdet. Er war einer, der keine Familiengeschichten zu erzählen hatte, die Vergangenheit blendete er aus. Erst durch die Recherchen für ihr Buch sei ihm klar geworden, wie schwer seine Kindheit gewesen sei, sagt Krug.

Die zweite Hauptperson im Buch ist der Vater ihrer Mutter, ein Fahrlehrer aus Karlsruhe. Nora Krug war elf, als er starb. An ihn, Willi, hatte sie vage Erinnerungen – zum Beispiel an den Moment, als er in der Garage eine harmlose Spinne tottrat, oder an seinen Flanellhut am Kleiderhaken im Flur. Mit ihm verschwand die letzte Verbindung zu ihren Großeltern, die anderen drei waren bereits tot.

Um herauszufinden, was der junge Soldat Franz-Karl und Willi, der Fahrlehrer, im Krieg getan (und nicht getan) hatten, reiste Krug in ihre Heimat und verbrachte viel Zeit in Archiven. Sie studierte Akten und befragte Familienmitglieder, las alte Briefe und betrachtete Unmengen von Fotos. Sie fuhr mit Google Street View virtuell Straßen ab und schaute sich Hab mich lieb! an – einen Revuefilm mit Marika Rökk, den ihr Onkel in einem Brief im Mai 1944 erwähnt hatte. Sie wollte sehen, was auch er gesehen hatte.

Als Krug genug Stoff gesammelt hatte, begann sie das Leben der beiden buchstäblich nachzuzeichnen. Endlich konnte sie sich hineinversetzen in diese Menschen, die vorher Leerstellen gewesen waren. Als besonders eindringlich beschreibt sie rückblickend den Moment, als sie in Karlsruhe die US-Militärakte ihres Großvaters einsieht – also den Fragebogen in den Händen hält, den er im Rahmen der Entnazifizierung vor über 60 Jahren ausgefüllt hat, erst mit blauer Tinte, dann mit Schreibmaschine. Dabei erfährt sie, dass ihr Großvater – der in der Familie immer als Sozialdemokrat galt –, nur wenige Monate nachdem er bei den Wahlen im März 1933 seine Stimme der SPD gegeben hatte, der NSDAP beitrat.

Kommentare

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In der Tat, das fand ich auch grenzwertig. Mich interessiert zwar durchaus, wie Menschen aussehen, deren Arbeit ich interessant finde, und ich schaue sehr gern Interviews mit Autoren auf youtube, aber da geht es mir eigentlich nicht darum, wie sie ästhetisch sondern wie sie "als Mensch" auf mich wirken. Selbst Menschen, die nicht sehr fotogen sind, können im Video sehr gewinnend rüberkommen.

" bei einem Schüleraustausch in England, hatte man sie spaßeshalber mit "Heil Hitler" "

Wann war Frau Krug bei dem Schulaustausch in GB? I ch war vor 57 Jahren, als am 13.08 begonnen wuede die Mauer in Berlin zu bauen, als 13jaehrige in Nordengland. Von "Heil Hitler" habe ich nichts ghoert.
Nachdem ich aber jetzt (2003/2016) in UK gelebt habe, kann ich nur sagen, dass die Fremdenfeintlichkeit/Abstandhalten sehr stark ist.

Mir kommt alles etwas klischeehaft und der präsentierte Heimatbegriff ziemlich "tümelnd" vor: Deutschland festgeschrieben auf den Schuld-Unschuld-Gegensatz der Nazizeit und auf Gegenstände mit dem Flair der 1950er Jahre. Alles wie in einer Zeitkapsel, nostalgisch. Dazu passt natürlich auch die Darstellungsweise.
Natürlich ist die Auseinandersetzung mit der Nazizeit weiterhin wichtig, aber ich habe den Eindruck, dass die Autorin den Kontakt zum Gegenwartsdeutschland verloren hat. Brot und Wald und Uhu-Kleber, das ist Heimat. Aha.

https://www.youtube.com/w...

Dieser link ist ein ausführliches Podiumsgespräch (auf Englisch, da in US) zwischen Nora Krug und Line Hoven über die jeweiligen Arbeitsprozesse zu ihren Büchern.
1977 geboren, sind beide Frauen in der 80ern in Deutschland sozialisiert worden und ich finde interessant, wie sie ihr Deutschsein und ihr Aufwachsen in Deutschland erlebt haben. 50er Jahre Flair mag Ihnen so vorkommen, aber auf meinem 2018-Schreibtisch liegt eine Tube Uhu und Sauerteigbrot ist auch mir noch immer das liebste :=),
Auf dem Hintergrund dieses Gesprächs und dem damit vermittelten Eindruck habe ich jedenfalls keine Sorge, das Buch könne "klischeehaft und tümelnd" sein.