Märtha Louise von Norwegen "Ich träumte von einem völlig anderen Leben: Ich wollte normal sein"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 34/2018

Als kleines Mädchen habe ich mir häufig vorgestellt, dass irgendwann meine echten Eltern auftauchen würden – ganz normale Menschen mit ganz normalen Berufen wie Zahnarzt oder Lehrer. So wie Millionen kleiner Mädchen, die das Leben einer Prinzessin nur aus Büchern, Filmen oder Geschichten kennen, davon träumen, eine Prinzessin zu sein, träumte auch ich von einem völlig anderen Leben: Ich wollte normal sein, wie alle anderen. Wie sich das Leben einer Prinzessin anfühlt, wusste ich ja. Und in diesem Leben habe ich mich nie wohlgefühlt.

Als Prinzessin zieht man von Beginn an öffentliches Interesse auf sich und wird mit großen Erwartungen konfrontiert. Ich habe mich lange bemüht, diesen Erwartungen gerecht zu werden, die Person zu sein, die ich sein sollte. Aber das ist mir nicht gelungen. Es war sehr anstrengend für mich und hat mich letztlich überfordert.

Ich war ein hochsensibles Kind mit feinen Antennen und einer sehr intensiven Wahrnehmung. Ich habe die Gefühle und Stimmungen anderer Menschen sehr deutlich gespürt, aber das, was sie taten und sagten, stand oft nicht im Einklang damit. Ich wusste nie, ob ich auf das, was ich wahrnahm, reagieren sollte oder auf das Gesagte. Ich fand die Menschen beängstigend, weil ich sie nicht verstand. Das führte dazu, dass ich mich oft fehl am Platz fühlte. Besonders schwierig wurde es, als ich in die Schule kam. Bis dahin hatte ich gedacht, alle seien wie ich. Zu spüren, dass das nicht der Fall war, war ein Schock. Er führte dazu, dass ich mich mehr und mehr in mich selbst zurückzog.

In meiner Kindheit habe ich sehr viel Zeit mit meinen Tagträumen verbracht. Oft bin ich auf meinen Lieblingsbaum geklettert, so hoch hinauf, dass mir kein Erwachsener mehr folgen konnte. Der Baum war mein Schutzraum. Die Natur zu spüren und ein Teil von ihr zu sein war wunderbar – und nicht so verwirrend wie die Menschen. Stundenlang saß ich auf meinem Ast und hing meinen Gedanken nach, stellte mir vor, wie sich mein Leben verändern würde, wenn ich in diesem Moment hinunterklettern würde. Oder drei Sekunden später. Oder weitere drei Sekunden später. Welche Ereignisse würden dadurch in Gang gesetzt? Ein Szenario, das ich wieder und wieder durchgespielt habe.

Bis heute bin ich eine Tagträumerin, aber leider fehlen mir oft die Muße und die Gelegenheit dazu – das Internet und mein Smartphone fressen sehr viel von meiner Tagtraumzeit. Die Vorstellung, dass viele Kinder und Jugendliche heutzutage ohne Raum für Tagträume aufwachsen, finde ich beängstigend. Ohne Träume verkümmert unsere Kreativität, wir verarmen innerlich.

Vor einigen Wochen habe ich einen Kurs besucht, in dem luzides Träumen gelehrt wurde. In einem luziden Traum wird sich der Träumer der Tatsache bewusst, dass er träumt. In diesem Zustand kann man seine Träume steuern und erinnert sich am nächsten Morgen sehr deutlich daran. Es ist eine großartige Möglichkeit, mit seinem Unbewussten in Kontakt zu treten und wichtige Antworten zu finden. Ich träume davon, in Zukunft luzide Träume zu haben.

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Ich war auch ein hochsensibles Kind, wie Prinzessin Märhta Louise. Und bin heute eine hochsensible Erwachsene. Ich habe auch immer davon geträumt, normal zu sein. Normal nicht in dem Sinne, ob Prinzessin oder nicht, sondern weniger empfindlich. Ich wollte weniger störende Geräusche wahrnehmen, auch in die Disco gehen können wie meine Freundinnen, ich wollte weniger die Stimmungen anderer wahrnehmen und mich weniger davon beeinflussen lassen. Ich wollte mir Dinge weniger zu Herzen nehmen.
Heute habe ich gelernt, dass ich mit meiner Hochsensiblität eine tolle Gabe habe, dass es genauso normal ist, tief zu empfinden, wie weniger tief zu empfinden. Und ich träume davon, dass alle Menschen so akzeptiert werden, wie sie sind. Und diesen Traum lebe ich, er motiviert mich, er stärkt mich. Und da teile ich Märtha Louises Ansicht, wir alle und auch unsere Kinder in dieser schnellen und hochtechnisierten Welt brauchen Träume, denn sie motivieren und spornen an.