Künstlerin Marie Steinmann: "Was willst du mal werden?"

Die Künstlerin Marie Steinmann hat Kinder aus dem kenianischen Slum Kibera nach ihren Traumberufen gefragt. Ein Mädchen möchte Ballerina werden, ein Junge Fußballprofi, ein anderer Astronaut. Vor der Kamera porträtierte Steinmann sie in der Kleidung ihrer Wunschberufe: im Tutu, im Trikot, im Astronautenanzug. Ihren großen Traum verkörpernd, stehen die Kinder zwischen den Wellblechhütten Kiberas – mitten in der Realität. Von
ZEITmagazin Nr. 34/2018

Fünf Jungen und Mädchen im Morgengrauen. Jedes Kind steht mit dem Rücken zur aufgehenden Sonne. Steht still, wie aus der Zeit gefallen, während drumherum der Slum zum Leben erwacht, Menschen zur Arbeit gehen, Kinder in die Schule.

Ein Morgen in Nairobi, in Kibera, einem der größten Slums Ostafrikas. Sehr weit weg.

Und, was willst du mal werden?, wurden die Kinder vor den Aufnahmen gefragt.

Ballerina, Astronaut, Ärztin, Pilot, Fußballspieler – die Klassiker. Traumberufe, die für die Kinder in Kibera noch viel weniger erreichbar sind als für Kinder anderswo. Fest schauen die fünf in die Kamera, eine ganze Stunde lang – für die Video-Installation There is a crack in everything ("Durch alles geht ein Riss") von Marie Steinmann, aus der wir hier Stills zeigen.

Die Lebensbedingungen im Slum seien genauso fürchterlich, wie man sich das vorstelle, sagt die Künstlerin. Es gibt kaum sanitäre Anlagen, im Schnitt teilen sich sieben Menschen neun Quadratmeter in einer Wellblechhütte. Die Kriminalität ist groß, die Aussicht, jemals aus dem Slum herauszukommen, geht gegen null.

"Es gibt natürlich auch Lebensfreude und Gemeinschaft, die Menschen haben ein großes Talent, sich positiv auf ihren meist schwierigen Alltag einzustellen", sagt Marie Steinmann. Seit zwölf Jahren arbeitet sie immer wieder in Kibera. Sie hat dort mit ihrem Mann, dem Regisseur Tom Tykwer, den Verein One Fine Day gegründet, der Kurse für Kinder anbietet: Kunst, Tanz, Musik, Theater und Schreiben. Angebote, die vielleicht ein bisschen Mut und Freude machen, Möglichkeiten, zu spielen und zu lernen.

Es gebe natürlich immer eine Chance, dass eines der Kinder seinen Traumberuf ergreife, aber die sei eben äußerst gering, sagt Marie Steinmann. Immerhin besuchen die fünf alle eine weiterführende Schule, sie könnten mit ein bisschen Glück also Tischler, Krankenschwester, Lehrer oder Schlachter werden.

"In der Installation zeigen die Kinder der Welt, dass sie genauso Wünsche haben wie alle anderen, auch wenn sie aus dem Slum kommen. Sie sollten ihren Wunsch verkörpern, und alle haben dabei eine Art Stolz entwickelt. Für einen langen Augenblick strahlten sie die Kraft aus, die aus ihren Wünschen und Sehnsüchten erwächst. Diese Kraft beherrscht den trostlosen Ort, der sie umgibt – und verwandelt ihn, zumindest für diesen einen außergewöhnlichen Moment", sagt Marie Steinmann.

Die 15-jährige Salome Wairimu antwortete auf die Frage, warum sie Ärztin werden möchte: "Als meine Tante mit Krebs im Krankenhaus lag, sah ich, wie der Arzt sie behandelte und ihr alles erklärte. In dem Moment habe ich mich entschieden, Ärztin zu werden, ich möchte Leben retten. In den Krankenhäusern sind fast alle Ärzte Männer. Ich möchte später ein eigenes Krankenhaus gründen, wo die Menschen umsonst behandelt werden." Bei dem Videoprojekt habe sie endlich jemand ernst genommen, sagt Salome: "Es ist schön, dass mich jemand sieht."

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