Witze: "Fritzchen geht mit der Oma spazieren ..."

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 34/2018

Juli erzählt einen Witz. "Also, da ist eine Frau in einem Haus. Und das Haus hat auch einen Musiker und einen ›Spotler‹, und einer ist blind." Wenn diese Sätze ertönen, dann wird es still am Familientisch, denn nun kommt eine längere Erzählung. Und Juli erzählt, als habe sie ein Gedicht auswendig gelernt. "Eines Tages (Juli würde in ihrem sonstigen Sprachgebrauch nie "eines Tages" sagen) steht die Frau unter der Dusche, und es klingelt an der Tür. Die Frau nimmt sich ein Handtuch und geht zur Wohnungstür. Da steht der Musiker und sagt: Gratulieren Sie mir, gratulieren Sie mir, ich habe ein Album herausgebracht! (Juli hat natürlich auch keinen Schimmer, was ein Album ist.) Die Frau gratuliert ihm und schließt die Tür. Dann geht sie wieder unter die Dusche. Es klingelt an der Tür. Die Frau nimmt sich ein Handtuch und öffnet die Tür. Draußen steht der Spotler (genauso spricht Juli es aus). Er sagt: Gratulieren Sie mir, gratulieren Sie mir, ich habe eine Medalle (sprich: Medaille) gewonnen! Die Frau gratuliert und geht wieder duschen. Dann klingelt es schon wieder ..."

Man kann sich denken, dass ein Witz über eine duschende Frau nur eine schlüpfrige Pointe haben kann, was wohl auch der Grund ist, warum Juli den Witz wieder und wieder erzählt. In ihrer Welt ist es nicht anzüglich, nackt durch die Wohnung zu laufen. Aber mit diesem Witz dringt sie in eine neue Welt vor, hat plötzlich etwas beizutragen zu den Themen ihrer älteren Geschwister. Und plötzlich ist sie nicht mehr die Vierjährige, sondern doppelt so alt. Auch wenn sie nicht versteht, was an ihrem Witz lustig sein soll.

Es gibt aber durchaus Witze, bei denen Juli die Pointe versteht. Das sind die Fritzchen-Witze. Zum Beispiel: "Fritzchen geht mit seiner Oma spazieren, da sieht er ein Bonbon. Die Oma sagt: Was auf dem Boden liegt, darf man nicht aufheben. Dann sieht er einen Euro. Da sagt die Oma: Was auf dem Boden liegt, darf man nicht aufheben. Sie gehen weiter. Da rutscht die Oma auf einer Bananenschale aus und fällt hin. Sie sagt zu Fritzchen: Hilf mir auf, Fritzchen. Da sagt Fritzchen: Was auf dem Boden liegt, darf man nicht aufheben." Wenn Juli diesen Witz erzählt, muss sie sich selbst schütteln vor Lachen.

Was mich selbst so erstaunt, ist, dass es diesen Witz noch gibt. Ich habe ihn als Vierjähriger auch erzählt, nur mit Mark statt Euro. Ich weiß nicht, seit wann es Fritzchen gibt, aber es muss lange vor meiner Zeit gewesen sein, denn schon mein Vater hatte mir Fritzchen-Witze erzählt, die er aus der eigenen Kindheit kannte. Ich denke, Fritzchen ist eine der großen deutschen literarischen Figuren. Fritzchen ist der Held des kindlichen Aufbegehrens gegen die Logik der Erwachsenen. Ein Untergrundkämpfer, dessen Weisen von Kind zu Kind getragen werden. Man findet zwar auch Fritzchen-Witze seitenweise im Internet. Aber Fritzchen bezieht seine wahre Macht daraus, dass seine Witze eine kleine Verschwörung gegen die Vernunft sind, gegen all die Bestimmer da oben, die unser Leben lenken. Solange es Fritzchen-Witze gibt, ist die Welt noch nicht verloren.

Der Duschwitz endet so: Als es das dritte Mal klingelt, glaubt die Frau, es könne ja nur der Blinde sein. Also lässt sie das Handtuch beiseite. Er ist es tatsächlich und sagt: "Gratulieren Sie mir, ich kann wieder sehen!" Ich versuche, nicht zu lachen. Sonst denkt meine Tochter noch, das sei ein Witz, den sie überall erzählen kann.

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Den Witzmit der Duscherin habe ich als Kind auch erzählt,vielleicht mit 4-5 Jahren.Mittlerweile bin ich 60 Jahre alt :-)
Und Fritzchen-Witze habe ich auch geliebt....Ich galt als „frühreif“,zu meiner Entschuldigung würde immer betont dass ich einen vier Jahre älteren Bruder habe.
Meine jetzt 30 jährigem „ Kindergarten“Kinder kannten kaum Witze.