Ali Can: "Ich wurde von Türstehern wegen meines Aussehens abgewiesen – das hat mich sehr verletzt"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 35/2018

Ich liebe es, leidenschaftlich vorzulesen. Zum ersten Mal habe ich das in einer Biologiestunde an der Realschule gemerkt. Mit extrem viel Mühe und Pathos habe ich einen Sachtext aus dem Lehrbuch vorgelesen und auf jede Betonung geachtet. Mein Biolehrer sagte danach zu mir: "Ali, du solltest was mit Lesen und Vortragen machen. Das kannst du gut." Direkt danach habe ich mich bei einem Vorlesewettbewerb angemeldet und bin immerhin Zweiter geworden.

Eine Lehrerin in der Oberstufe hat mich nicht nur Monologe vorlesen lassen, ich durfte auch mal Regie führen. In meiner Version von Kafkas Die Verwandlung war der Protagonist kein Käfer, sondern ein Alkoholiker, der sich betrunken in seiner Wohnung eingeschlossen hat. Also jemand, der den Stress unserer Welt nicht ertragen konnte. Die Inszenierung gefiel dem Publikum sehr. Da habe ich gemerkt, dass ich in Zukunft gesellschaftliche Herausforderungen auf eine kreative Art sichtbar machen möchte.

Ich finde es toll, Kindern dabei zu helfen, ihre Talente zu entdecken, und sie zum Träumen zu ermutigen, so wie manche meiner Lehrer es taten. Deshalb habe ich auf Lehramt studiert, mit den Fächern Ethik und Germanistik. Die Beschäftigung mit deutscher Literatur war für mich auch eine Art Verteidigung gegen die Vorurteile: ein Versuch, zu zeigen, dass ich Deutscher bin und die Frage, wo ich denn wirklich herkomme, unangebracht ist.

Ich hatte mal eine deutschstämmige Freundin, deren Eltern wohlhabend und mir nicht wohlgesonnen waren: Zum einen waren sie sehr skeptisch, weil ich aus einer "fremden Kultur" kam, zum anderen, weil meine Familie einen Dönerimbiss besaß und wenig Geld hatte. Ich fühlte mich da machtlos. Wenn man doch mal vom Mond auf die Erde schauen würde, dachte ich mir manchmal, könnte man sehen, dass es keine Grenzen gibt zwischen den Menschen.

Mehrere Male bin ich in einen Club nicht reingekommen, weil der Türsteher eine "Südländer-Quote" einhalten musste, 15 Prozent maximal, sagte er, sonst würden sich die "normalen" Gäste unwohl fühlen. Ich wurde also wegen meines Aussehens abgewiesen – Sinnbild des Rassismus! So etwas ist mir öfter passiert und hat mich sehr verletzt. Seither frage ich mich, wie eine Welt ohne Diskriminierung aussehen würde. Ich träume von einer Welt, in der Menschen anhand ihres Charakters und ihrer Taten beurteilt werden, nicht nach ihrem Aussehen.

Um dem Schmerz der Ausgrenzung zu entgehen, habe ich früher oft Bollywood-Filme geschaut. Für mich waren das Traumwelten, in denen immer das Gute siegt: Der Sohn einer reichen Familie hat doch noch die arme Süßwarenverkäuferin heiraten können, verfeindete Welten schlossen Frieden miteinander! Denn keine Grenze der Welt ist mächtiger als die tiefe Menschlichkeit, die in uns allen steckt.

Meine Vision ist der "Neue Deutsche Traum": eine Gesellschaft, in der wir das Grundgesetz wirklich leben. Sodass jeder die gleichen Chancen erhält, sich zu verwirklichen. Der Neue Deutsche Traum ist für mich das Ende von Benachteiligung, Groll und Missgunst in Deutschland. Er ist der Beginn von Verantwortung füreinander und die Rückbesinnung auf Anstand und Respekt, ganz unabhängig davon, wie viel Geld jemand hat und wo er herkommt.

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