Harald Martenstein Über die Zeitumstellung

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 35/2018

Während ich dies schreibe, geht gerade die Abstimmung über die Sommerzeit zu Ende. Die wahlberechtigte Bewohnerschaft der EU durfte online ihre Meinung dazu äußern, ob auch in Zukunft die Uhren umgestellt werden sollen oder nicht. Bindend ist das Ergebnis nicht, aber sie werden sich schon danach richten. Viele Kritiker, sowohl linke als auch rechte, werfen der EU vor, dass sie ein Demokratiedefizit hat. Diese Abstimmung soll offenbar ein antidefizitäres Goodwill-Signal in die Welt senden. Hey, Leute, so undemokratisch sind wir doch gar nicht!

Bei mir haben sie allerdings das Gegenteil des Gewünschten erreicht. Wenn man in so vergleichsweise unwichtigen Fragen wie der Sommerzeit willens und technisch in der Lage ist, meine Meinung zu berücksichtigen, dann wird mir umso schmerzlicher bewusst, dass meine Meinung zu den etwas wichtigeren Problemen egal ist.

Ein Bekannter sagte: "Das Umstellen der Uhren ist ein Ritual." Deshalb möge er die Sommerzeit. Ob sich auf diese Weise wirklich Energie sparen lasse, sei ihm egal. Mir leuchtet das ein. Der Spareffekt ist, falls es ihn überhaupt gibt, sowieso eher klein. Aber es ist schön, wenn es besondere Tage gibt, Menschen mögen und brauchen das. Die christlichen Feste und Rituale sind ja seit Langem auf dem absteigenden Ast. Was wurde zu den Zeiten unserer Groß- und Urgroßeltern nicht alles gefeiert! Kirchweih, Allerseelen, Palmsonntag, Erntedank, Namenstag, solche Termine haben dem Jahr Struktur gegeben. An ihre Stelle sind frohe oder mahnende Ereignisse wie Muttertag, Christopher-Street-Day, Valentinstag oder Frauentag getreten, die zum Teil bestimmten Bevölkerungsgruppen gewidmet sind oder den merkantilen Interessen des Blumen- und Süßwarenhandels oder beidem, wie das Kinderfest Halloween. Das Umstellen der Uhren betrifft alle und schließt niemanden aus. Irgendwie stiftet das Gemeinsinn. Die Uhrzeit und die Jahreszeiten sind immerhin etwas, das wir gemeinsam haben, wer auch immer wir sind und was auch immer wir über die Welt denken. Wenn ich die Uhr umstelle, denke ich: "Alle tun das jetzt." Dieses Gefühl habe ich sonst nur noch an Silvester, obwohl es sogar da nicht hundertprozentig stimmt.

Gegen Ende dieses Sommers geht mir der Supersommer übrigens auf die Nerven. Etliche Wochen lang freut man sich, ich war öfter in unserem See denn je, und er war so warm wie nie. Ich mag Hitze, an sich. Aber man schwitzt dabei und schläft schlecht, das fällt mir immer mehr auf. Bei allem Guten tendiert man nach einer Weile dazu, es selbstverständlich zu finden, und man registriert immer sensibler die negativen Aspekte. Dieses Naturgesetz gilt für alte Paare, die irgendwann hauptsächlich die Macken des anderen registrieren und nicht mehr dessen Vorzüge, für Kapitalismuskritiker, die den Wohlstand und die Freiheit ihrer Gesellschaft für unzerstörbar halten und nur noch Ungerechtigkeit erkennen, bis sie eines Tages in einer Art Venezuela gelandet sind, und es gilt natürlich auch für mich, wenn ich mich über die pseudodemokratische EU-Abstimmung aufrege, weil ich mich an die Freizügigkeit und die diversen ökonomischen Vorteile gewöhnt habe. Viele denken, dass Veränderungen die Welt besser machen, aber in nicht wenigen Fällen wird sie schlechter, wenn sich etwas ändert. Ich habe also für die Beibehaltung der Sommerzeit gestimmt. Die ist ein letztes Bollwerk gegen den Zerfall der Gesellschaft in Interessengruppen. Man müsste das groß feiern, statt es abzuschaffen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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