Ilse Aigner: "Ich mag keine Machtspiele um der Macht willen"

Die CSU-Politikerin Ilse Aigner hat früh gelernt, gelassen zu bleiben – selbst im Kampf mit Rivalen. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 35/2018

ZEITmagazin: Frau Aigner, Sie sind die jüngste von vier Schwestern. Wie haben Sie sich als Kind durchgesetzt?

Ilse Aigner: Meine älteste Schwester ist nur gut fünf Jahre älter als ich, insofern waren das immer meine besten Freundinnen. Manchmal haben wir auch richtig gerauft, aber meist konnte ich mich mit meinem Mundwerk behaupten. Wir sind von den Eltern nicht geschont worden, sondern mussten schauen, wie wir zu unserem Recht kommen.

ZEITmagazin: Ihr Vater hatte einen Elektro-Handwerksbetrieb und war Gemeinderat, Sie sind früh in die Junge Union eingetreten. War Ihr Vater Ihr Vorbild?

Aigner: Grundsätzlich waren beide Eltern Vorbilder für mich. Meine Mutter hat schon früh gearbeitet und ist, was für damalige Verhältnisse unüblich war, von zu Hause weggegangen für eine Stellung in der Industrie. Und mein Vater war immer engagiert in vielen Vereinen und eine imposante Persönlichkeit. Wir haben uns politisch ausgetauscht. Da er technisch orientiert war, hatte ich zu ihm auch einen engen Draht.

ZEITmagazin: Mit 16 Jahren gab es einen Einschnitt: Sie wurden plötzlich krank und hatten über zwei Jahre hinweg große Schmerzen wegen eines Tumors in der Wirbelsäule. Wie war diese Zeit für Sie?

Aigner: Das war wirklich ein traumatisches Erlebnis, für die ganze Familie, die hilflos war, weil die Schmerzen immer weiter zunahmen und keiner wusste, warum. In der Verzweiflung ist damals alles versucht worden, bis hin zum Handauflegen und dem Einsatz von Wünschelruten. Ich saß nachts immer am Küchentisch, vornübergebeugt auf fünf Kissen übereinander, weil ich nicht mehr liegen konnte. Irgendwann bin ich dann vor Erschöpfung eingeschlafen. Ich hatte keine Kraft mehr. Das Ganze ist nur gelöst worden, weil irgendwann meine Mutter zusammengebrochen ist und danach eine neue Ärztin dafür gesorgt hat, dass ich ins richtige Krankenhaus gebracht wurde. Dann kam es durch eine Untersuchung zu einer sofortigen Lähmung, und ich musste notoperiert werden. Die Chance war fifty-fifty, dass ich wieder gehen kann. Der Tumor saß im Rückenmark an den Nervenwurzeln, und es war nicht sicher, welche Nervenwurzel es ist. Ich war so froh, dass sie herausgefunden haben, was die Ursache für all die Schmerzen war.

ZEITmagazin: Was hat Sie damals gerettet?

Aigner: Erstens hat mich gerettet, dass ich gemerkt habe, was eine Familie leisten kann, wenn sie zusammensteht. Zweitens hat sich meine Einschätzung geändert, was wichtig ist im Leben. Ich bin in vielen Bereichen wesentlich gelassener geworden, weil ich das immer im Hinterkopf habe.

ZEITmagazin: Kommt von daher Ihr Lebensmotto "Ich beiß mich durch"?

Aigner: In dem eigentlich männlichen Beruf Radio- und Fernsehtechniker habe ich gelernt, mich durchzubeißen. Ob in der Lehre oder in der Techniker-Schule, ich war immer allein unter hundert Kollegen und auch Lehrkräften, die bezweifelt haben, ob ich die Arbeit kann. Auch bei der CSU, in der es nicht sonderlich viele Frauen gab, musste ich mich behaupten.

ZEITmagazin: Zum Unterschied zwischen Mann und Frau in der Politik haben Sie einmal gesagt, dass sich Frauen manchmal selbst im Weg stehen und sich zurückhalten, weil sie kein Porzellan zerschlagen wollen.

Aigner: Ich habe immer empfunden, dass ich als Frau meiner Generation Konflikten eher ausweiche oder versuche, zu vermitteln. Ich produziere mich auch nicht gerne in der Öffentlichkeit, sondern fokussiere mich auf Taten und Ergebnisse. Ich mag keine Machtspiele um der Macht willen. Macht zu haben war mir nie das Wichtigste im Leben.

ZEITmagazin: Einst galten Sie als Kronprinzessin von Horst Seehofer, der die Rivalität zwischen Markus Söder und Ihnen bewusst befeuert hat.

Aigner: Dieses Spiel habe ich irgendwann nicht mehr mitgespielt, weil es mir zu blöd war. Ich war nicht bereit, den Kampf bis aufs Allerletzte durchzufechten. Der Preis wäre zu hoch gewesen. Ich hätte mich komplett verändern müssen. Für den Kampf hätte ich einen Säbel auspacken müssen. Meine Waffe ist aber das Florett – mit dem kämpft es sich allerdings schwer gegen einen Säbel.

ZEITmagazin: Sie sind sehr pragmatisch. Gibt es auch irgendetwas Verrücktes, das Sie gern machen würden?

Aigner: Ich würde sofort zur Raumstation fliegen, wenn ich könnte. Ich habe mal an einem Parabelflug teilgenommen, bei dem ich mit einem Flugzeug fast senkrecht hoch- und runtergeflogen bin. Das war ein Mordsspaß. Es war ein normales Flugzeug, allerdings mit Versuchsaufbauten und Platz für Mitflieger. Mit dem bin ich zehnmal eine mathematische Parabel geflogen. So was finde ich einfach supercool.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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