© Ola Rindal

Leïla Slimani Gegen die Angst

ZEITmagazin Nr. 35/2018
Die Schriftstellerin Leïla Slimani wuchs in Marokko auf. Schon als Jugendliche ärgerte sie sich darüber, weniger Rechte zu haben als Männer. Inzwischen lebt sie in Frankreich, berät Präsident Macron und gilt als die neue Stimme der französischen Literatur. Für ihr aktuelles Buch hat sie mit arabischen Frauen über Sex gesprochen. Von

Leïla Slimani kann sich nicht daran erinnern, wann sie zum ersten Mal über Sex gesprochen hat. Doch sie weiß noch genau, wie sich in ihrer Jugend ein Gefühl in ihr Leben schlich und sie verunsicherte: das Gefühl, dass ihr ständig jemand über die Schulter schaute, um sie davor zu bewahren, sich mit einem Mann einzulassen.

Die Jungen an ihrer Schule in Rabat begannen irgendwann, die Mädchen in "anständig" oder "nicht anständig" einzuteilen; wer mit Jungen befreundet war, rauchte, tanzte oder ausging, fiel in die zweite Kategorie. Die Mädchen flüsterten über die, die "es taten", und die, die sich ordentlich verhielten. Slimanis Eltern, in ihren Werten eigentlich progressiv, erklärten ihr, dass sie sich nicht mit Männern zeigen solle, die nicht zur Familie gehörten.

Sie begriff, dass sie sich reinhalten sollte und dass die Gesellschaft diese Reinheit eines Tages kontrollieren würde: In Marokko war und ist es per Gesetz verboten, mit jemandem zu schlafen, mit dem man nicht verheiratet ist.

Schon als Jugendliche verstand Slimani, dass Sex nicht nur persönlich, sondern auch politisch war. Wie die Dinge zusammenhingen, verstand sie noch nicht. Alles, was sie wusste, war, dass ihr dieses Gefühl von Unfreiheit nicht passte.

Eines Tages entdeckte Leïla Slimani ein Foto, das ihr Leben veränderte. Es zeigte die berühmte Feministin Simone de Beauvoir. Rauchend saß sie im Café de Flore, um sie herum lauter Papiere verstreut. Slimani las, dass deren berühmtestes Buch Das andere Geschlecht hieß. Bestimmt, dachte sie sich, war es ein erotisches Werk. Ein Buch für Erwachsene.

Schon damals liebte sie die französische Literatur. Mit ihren Eltern – die Mutter eine Ärztin, der Vater ein Ökonom – und ihren zwei Schwestern lebte sie in einem Haus voller Kunstwerke in der Hauptstadt Rabat. In der Familie wurde Französisch geredet, sie träumte auf Französisch. Sie sprach sich selbst Mut zu und ging in die Bibliothek. Als sie nach dem Buch fragte, errötete sie.

Als sie es zuklappte, war sie eine andere.

"Simone de Beauvoir hat mir die Argumente gegeben, um all denen zu antworten, die mir gesagt haben: Das kannst du nicht machen, du bist doch eine Frau!", erinnert sie sich.

Heute ist Leïla Slimani 36 Jahre alt und eine der interessantesten Schriftstellerinnen in Frankreich. Die arabische Frau, die durch die Integrationsdebatten des Westens geistert wie ein stummes Phantom, bekommt durch sie eine Stimme. Slimani hat einen aufsehenerregenden Roman über eine Nymphomanin und einen noch mehr beachteten über eine Nanny geschrieben, die zwei Kinder in ihrer Obhut tötet. Ihr drittes Buch hat sie der sexuellen Misere der marokkanischen Frauen gewidmet: Sex und Lügen erscheint in seiner deutschen Fassung am 10. September im btb Verlag. Ärztinnen und Prostituierte kommen darin zu Wort, Moderatorinnen und Freundinnen. Offen erzählen sie von ihren Vätern und Männern; von sexuellen Träumen und Traumata. Ein Buch, das wie gemacht zu sein scheint für diese Zeit: Beim Lesen wird einem klar, dass diese Stimme in den aktuellen Debatten zu sexueller Belästigung, Frauenrechten und muslimischer Einwanderung bisher gefehlt hat.

Die 28-jährige Zhor erzählt darin von ihrer Vergewaltigung:

"Mein Vater war ultrakonservativ. Als ich auf dem Gymnasium war, habe ich mir die Augenbrauen gezupft. Er verrichtete gerade sein Gebet. Er hat es unterbrochen und zu mir gesagt: ›Du lässt sie wieder wachsen, es kommt mir vor, als würde ich eine Hure anschauen!‹ Ich erinnere mich sogar an diese lächerliche Episode, als er wütend wurde, weil zwei meiner Kuscheltiere sich in einer Weise umarmten, die er für unanständig hielt.

Der Zufall wollte es, dass mein erstes Mal, mit 15, eine Vergewaltigung durch drei Männer war. Ich ging vom Gymnasium zum Abendkurs. Der Erste lockte mich in ein Zimmer. Dann hat er mich eingeschlossen. Ich habe nichts begriffen. Ein anderer Typ kam herein und hat mich vergewaltigt. Ich war Jungfrau und blutete, was ihn, glaube ich, wunderte. Für sie war ich eine Nutte. Der Dritte brachte es zu Ende. Ich bin aufgestanden und habe mich angezogen. Ich bin mit dem Bus nach Hause gefahren.

Leïla Slimani schreibt viel über Sex. Ihre elegante Altbauwohnung liegt in der Nähe des Pariser Rotlichtviertels Pigalle. © Ola Rindal

Damals hatte ich, glaube ich, mehr Angst vor meinen Eltern oder der Gesellschaft als vor der Vergewaltigung an sich. Ich sagte mir, dass man mich einsperren und mich beschuldigen würde, ich hätte sie aufgereizt. Ich habe es Freundinnen in der Schule erzählt, es sprach sich herum. Es war furchtbar. Im Viertel war ich unten durch." (Alle Auszüge stammen aus Sex und Lügen)

Leïla Slimani lebt mit ihrem französischen Mann und den beiden Kindern in einem angesagten Pariser Viertel, das an den Rotlichtkiez Pigalle grenzt. An einem warmen Vormittag im Juli läuft sie durch das elegante Wohnzimmer mit seinen Erkerfenstern und den vielen Bildern und Figuren, dann öffnet sie die Tür zu ihrem Arbeitszimmer.

An der türkisfarbenen Wand hängt die gerahmte Urkunde des Literaturpreises Prix Goncourt, den sie 2016 gewonnen hat. Fotos von ihren Reisen, die sie als Botschafterin der frankophonen Welt unternommen hat, sind neben dem Fenster angebracht: Sie fährt oft nach Afrika, um einheimische französischsprachige Künstler zu fördern; auch China und Indien hat sie besucht, um für die französische Sprache zu werben. Im Auftrag von Präsident Macron soll sie das Verhältnis zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien verändern und es auf Augenhöhe heben. Auf dem Regal ist ein Buch wie ein Ausstellungsstück platziert: eine Biografie von de Beauvoir. "Ich liebe sie", sagt sie.

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