Narkose: "Ich sehe weiße Mäuse"

ZEITmagazin Nr. 35/2018
Eine Narkose macht vielen Menschen Angst. Ein Arzt und eine Schwester erklären, wie sie abläuft und was sie im OP schon alles erlebt haben. Interview: und

Christian Zöllner: Darf ich etwas fragen, bevor Sie mit Ihren Fragen loslegen?

ZEITmagazin: Selbstverständlich.

Zöllner: Wir wüssten gern, wie Sie auf uns gekommen sind. Vielmehr, warum Sie sich für die Arbeit von Anästhesisten interessieren.

Judith Calcagnile: Normalerweise stehen wir nicht so im Mittelpunkt des Medieninteresses.

ZEITmagazin: Jetzt, da Sie’s sagen, fällt es uns auch auf. Ärzte in Kinofilmen oder Fernsehserien sind eigentlich immer Chirurgen.

Calcagnile: Genau.

ZEITmagazin: Aber neulich saßen wir in der Redaktion beisammen und merkten: Fast alle von uns haben eine Narkose-Geschichte zu erzählen.

Zöllner: Sie persönlich auch?

ZEITmagazin: Aber hallo! Eine von uns beiden hier war nach einer Zahnoperation wie auf Droge. Und der andere hat sich vor einer Knieoperation über sich selbst geärgert – weil er wie wahnsinnig zitterte, als er im Bett zum Anästhesisten geschoben wurde.

Calcagnile: (lächelt) War Ihnen kalt?

ZEITmagazin: Ja, schon. Aber eigentlich war offensichtlich: Da hat jemand richtig Schiss!

Calcagnile: Patienten wie Sie haben wir oft.

Zöllner: Bis hin zum Zähneklappern.

Calcagnile: Wenn der Körper Stress hat, zittert er zur Regulation. Ganz normal. Und vielleicht war die Temperatur im Krankenhaus tatsächlich auf 21 Grad runtergekühlt, Sie liegen da in diesem Kittelchen – so kommt eins zum anderen.

Zöllner: Aber wir haben was dagegen. Wärme! Nicht nur mit Worten. Wir legen Patienten vor der Operation vorgewärmte Decken auf, weil wir durch Studien wissen: Wenn Patienten während eines Eingriffs auf unter 36 Grad auskühlen, ist das Outcome-relevant.

ZEITmagazin: Bitte, was heißt das denn?

Zöllner: Entschuldigung. Unter Outcome versteht man in der Medizin das abschließende Ergebnis einer Therapie. Wenn Patienten auskühlen, kann es später zu Komplikationen wie Wundinfektionen oder Herz-Kreislauf-Reaktionen kommen. Und Muskelzittern geht einher mit einem erhöhten Sauerstoffverbrauch des Körpers. Deshalb wärmen wir die Kälte weg. Und die Sorgen hoffentlich auch.

ZEITmagazin: Warum macht uns eine Narkose Angst?

Calcagnile: Es geht dabei um Kontrollverlust. Wir Menschen sind heute darauf gepolt, in allen Lebenslagen möglichst volle Kontrolle über uns selbst, über unseren Körper, über all unsere Entscheidungen zu behalten. Das eigene Leben in fremde Hände legen! Das ist nicht einfach.

ZEITmagazin: Klingt so, als täten sich erfolgreiche Selbstständige und verkopfte Akademiker damit besonders schwer.

Zöllner: Nein. Die Angst, mit der wir es vor Narkosen zu tun haben, ist eine so tiefe, so elementare Angst, die ist unabhängig von gesellschaftlichen Schichten. In den Augen der Mehrheit geht es – meistens unberechtigt – ums nackte Überleben. Um die Frage: Wache ich wirklich wieder auf? Da unterscheiden sich städtische Milieus nicht von ländlichen, Akademiker nicht von Handwerkern. Das ist anders als vielleicht bei Geburten.

Calcagnile: Da gibt es ja schon verschiedenste Wünsche, vom terminierten Kaiserschnitt bis zur total natürlichen Variante. Allerdings hatte ich neulich einen Jugendlichen, der wollte wissen: Wie viel CO₂ wird nur durch meine Narkose, durch meine Operation hier, produziert?

Zöllner: Aber abgesehen vom CO₂: Wer in einen OP kommt, hat einfach keine Alternative, der muss aus irgendeinem Grund operiert werden. Was man allerdings sagen kann (er schaut Calcagnile an) ...

Calcagnile: ... Männer haben öfter Bedenken als Frauen.

Zöllner: Frauen sagen während des Aufklärungsgesprächs schneller mal: "Ist in Ordnung, Sie machen das schon – geben Sie her, ich unterschreib jetzt alles!"

ZEITmagazin: Leider kann unser Aufnahmegerät Ihr heftiges Nicken nicht aufzeichnen, Frau Calcagnile.

Calcagnile: Frauen tun sich leichter mit dem Eingestehen ihrer Nervosität. Die sagen mir am Morgen vor der Operation öfter: "Puh, hab ich schlecht geschlafen!" Männer versuchen es eher mit Kompensieren.

ZEITmagazin: Wodurch?

Calcagnile: Durch Fragen.

Zöllner: Was ich keineswegs schlechter finde als dieses "Machen Sie mal". Die Fragen zeigen, wie wenig die meisten Patienten über unseren Beruf wissen. Neulich erkundigte sich einer: "Wenn man Anästhesist werden will, muss man da studieren?" Ja, muss man! Nach sechs Jahren Medizinstudium qualifizieren wir uns weitere fünf Jahre zum Facharzt für Anästhesiologie. In jedem Aufklärungsgespräch sage ich: "Wir sind die ganze Zeit für Sie da." – "Auch während der OP?" Viele glauben, wir geben nur die Narkosemittel und gehen dann einen Kaffee trinken.

ZEITmagazin: Man kriegt es als Patient halt nicht mit ...

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