© Fotos Juergen Teller/​Styling Klaus Stockhausen

Adwoa Aboah: Adwoa, die andere

Sie ist eines der gefragtesten Models weltweit, aber nicht nur ihr Aussehen macht Adwoa Aboah in der Modewelt einzigartig, sondern auch der offene Umgang mit ihren Ängsten. Der Fotograf Juergen Teller, ein Freund ihrer Familie, lud sie während der Fußball-WM zusammen mit ihren Verwandten in sein Londoner Studio ein. Von
ZEITmagazin Nr. 36/2018

Adwoa Aboah hätte den Weg gehen können, den viele andere Stars im Rampenlicht wählen: über ihre Probleme zu schweigen. Stattdessen hat sie sich entschieden, über ihre dunkelsten Zeiten zu sprechen. Über ihre Depressionen und einen Suizidversuch. So will sie anderen jungen Frauen helfen, ihre Ängste zu überwinden. Unsere Reporterin hat sie in London und Warschau getroffen.

Wo ich Adwoa Aboah zum ersten Mal gesehen habe, weiß ich nicht mehr: entweder auf einem Plakat von Chanel oder in einem Video auf YouTube. Das Plakat hing in einer Boutique und war in Schwarz-Weiß gehalten; sie trägt darauf ein zusammengeknotetes Kopftuch und eine große schwarze Brille, die Schatten der Beleuchtung konturieren ihre feinen Gesichtszüge und lassen ihre Sommersprossen deutlich hervortreten.

Adwoa, das Supermodel.

In dem Video trägt sie Pelzmütze und Mantel, sie setzt sich auf einen Hocker. Während sie sich nach und nach auszieht, erzählt sie, wie sie als Jugendliche depressiv und drogensüchtig wurde. Am Ende des Clips sitzt sie einem schwarzen BH und einer rosafarbenen Baumwollunterhose da. "Vielleicht liebe ich mich nicht die ganze Zeit", sagt sie und zieht ihr rechtes Bein hoch, "aber inzwischen finde ich mich ziemlich in Ordnung."

Adwoa, der Mensch.

An diese beiden Gesichter von Adwoa Aboah musste ich denken, als ich mich daranmachte, sie zu porträtieren.

Sie ist gerade eines der gefragtesten Models weltweit: Das Time-Magazin hat die 26-jährige Britin zu einer "Vorreiterin der nächsten Generation" gekürt, das britische Fashion Council zum "Model des Jahres". Aktuell wirbt sie nicht nur für Chanel, sondern auch für Burberry und Fendi. Auf ihren Instagram-Fotos lächelt sie neben ihrer engen Freundin Cara Delevigne und dem Londoner Bürgermeister Sadiq Khan; ein Clip zeigt eine Liebesszene zwischen ihr und Scarlett Johansson aus dem Science-Fiction-Film Ghost in the Shell. Das Supermodel Naomi Campbell kommentiert häufig ihre Beiträge, unter einen Schnappschuss von der Chinesischen Mauer hat sie geschrieben: "Erobere weiter die Welt. So stolz auf dich!"

Wie, fragte ich mich, passt so ein Leben im Rampenlicht wohl zu einem Leben mit einer Depression?

An einem Montag Mitte Juni holt mich ihre Mitarbeiterin Anna an einer U-Bahn-Station in Nordlondon ab. Wir laufen an hellen viktorianischen Häusern mit Erkerfenstern und bunten Türen vorbei, für Londoner Verhältnisse ist es relativ ruhig. Hier in Notting Hill ist Adwoa Aboah aufgewachsen. Ihre Mutter Camilla Lowther stammt aus einer adligen Familie im englischen Cumbria, ihr Vater Charles Aboah ist der Sohn eines ghanaischen Diplomaten, der unter anderem in London stationiert war. Die beiden lernten sich 1981 kennen, als Camilla für eine Modenschau ein männliches Model suchte und Charles ihr von gemeinsamen Freunden vorgestellt wurde. Sie hat eine renommierte Agentur für Fotografen und Stylisten gegründet, er ist ein erfolgreicher Location-Scout.

Ein Haus mit einer blauen Tür. Wir bleiben stehen und klingeln. Eine Putzfrau öffnet die Tür, drinnen laufen Handwerker herum. Das Haus der Aboahs wird gerade renoviert. Ich folge Anna Richtung Souterrain und begegne auf der Treppe einer Mitarbeiterin von Chanel, die Kleider für eine Anprobe vorbeigebracht hat. "Adwoa ist morgen die Gastgeberin beim Sommerfest der Serpentine Galleries", erklärt Anna. Unten befindet sich eine gemütliche Lounge mit offener Küche. Dahinter geht es hinaus auf eine Terrasse, auf einem Gartenstuhl ist Adwoas jüngere Schwester Kesewa zu sehen. Obwohl beide inzwischen in den USA leben, kommen sie regelmäßig nach London; immer wenn sie hier sind, wohnen sie im Haus ihrer Eltern.

Nach einer Viertelstunde kommt jemand mit schweren Schritten die Treppe herunter. Es ist die schmale, fast jungenhafte Adwoa Aboah mit den hellbraunen Sommersprossen und den kurz geschorenen Haaren. Sie hat sich einen Bademantel übergeworfen, offenbar ist sie mit der Anprobe gerade erst fertig geworden. Aus den Terminabsprachen weiß ich, dass sie in den vergangenen zwei Wochen zwischen Warschau, London und Peking hin und her gereist ist. Heute Abend steht schon wieder eine Veranstaltung im Victoria and Albert Museum an. Ihre Augen sind so klein, als hätte sie eine Woche nicht geschlafen. Ihre Umarmung ist schlaff.

Guten Morgen!

"Na ja", antwortet sie. "Es ist vier Uhr nachmittags." Sie wendet sich ab. "Ich muss mal eine rauchen."

Sie schlurft in den Garten und hockt sich zu ihrer Schwester. Mit sanfter Stimme führt mich Anna nach oben. Sie verschwindet und kehrt nach einer Weile zurück. "Adwoa ist sehr erschöpft", sagt sie und klingt so, als müsste sie eine solche Situation nicht zum ersten Mal erklären. "Sie hat keine Kraft, um jetzt ein Interview zu geben. Heute Abend muss sie ja schon wieder im Victoria and Albert moderieren." Entschuldigend schaut sie mich an: "Können wir noch mal verschieben?"

Später wird mir klar werden, dass auch diese Szene etwas mit Adwoa Aboahs Abgründen zu tun hat.

Ein Supermodel zu sein, das klingt nach einem glamourösen Leben. Blättert man durch die Magazine, sieht man perfekte Frauen vor aufregender Kulisse. Alles an ihnen wirkt begehrenswert: die dunklen Augen von Kendall Jenner, die rätselhafte Coolness von Kate Moss, die blonde Eleganz von Karlie Kloss, der sonnengebräunte Körper von Gisele Bündchen. Stumm erzählen sie den Betrachtern von einem Leben in einer schöneren Welt. Auf Instagram kann man verfolgen, wie sie umherfliegen, Hollywood-Stars treffen, Hollywood-Stars daten und Partys wie in den Serpentine Galleries feiern.

Adwoa Aboah ist anders.

Der offensichtliche Unterschied liegt darin, dass sie in einer sehr weißen Welt eine der wenigen nicht weißen Stars ist. Der erste schwarze Chefredakteur der britischen Vogue, Edward Enninful, hat sie letzten Dezember auf sein erstes Cover gesetzt; der Starfotograf Juergen Teller (der auch diese ZEITmagazin-Titelgeschichte fotografiert hat) inszenierte sie für eine Kampagne in Ghana, der Heimat ihres Vaters. Obwohl – oder weil – sie so anders aussieht, scheint sie gerade richtig für eine Zeit, in der Filme wie Black Panther verändern, welche Hautfarbe, welche Haare, welche Typen als schön gelten.

Sie ist ein Supermodel im Sinne des Superlativs: Symbol einer sich verändernden Gesellschaft, die trotz Trump, trotz Brexit auch immer toleranter und vielfältiger wird.

Aber da ist noch etwas. Es gibt im Deutschen keine gute Übersetzung für mental health activist – wer bezeichnet sich schon als "Aktivist für psychische Gesundheit"? Adwoa Aboah aber ist stolz auf dieses Label. Sie ist ein Model mit Meinungen. In einer Zeit, in der viele Prominente Fotos aus ihrem Privatleben posten, um sich als authentisch zu inszenieren, legt sie auch ihr Inneres frei. Im Netz kann man verfolgen, wie sie von ihren Depressionen erzählt, um anderen Depressiven zu helfen; dass sie Veranstaltungen abhält, bei denen junge Frauen über alles reden können, was sie belastet: Essstörungen, Beziehungsprobleme, Ängste. "Gurls Talk" nennt sie diese Treffen, und diese Slang-Schreibweise macht deutlich, dass ihre Konferenzen cooler sein sollen als andere.

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