© Bastian Achard

Ayumi Paul "Musik ist meine Farbpalette"

Die Geigerin Ayumi Paul verbindet Musik und Kunst. Eines ihrer neuesten Werke ist ein Kleid, das sie aus Stoffspenden von über 60 Frauen genäht hat, dazu improvisiert sie in einer Performance mit ihrer Violine und erschafft ein Patchwork bewundernswerter Frauengeschichten. Von
ZEITmagazin Nr. 36/2018

ZEITmagazin: Frau Paul, Sie verbinden in ihrem neuen Werk wieder Musik und Kunst. Wie klingt denn zum Beispiel ein geblümter Ärmel?

Ayumi Paul: Das müsste ich Ihnen jetzt vorspielen oder singen.

ZEITmagazin: Das könnten Sie?

Die Glöckchen sind übers Kleid verteilt, sie stammen von einer Kette, die die Fotografin Anna Rosa Krau ihrer Tochter bastelte. © Bastian Achard

Paul: Ja, Musik ist meine Farbpalette. Ich reagiere auf das, was ich sehe, empfinde und denke, und verwandle das in Musik. Wenn Sie mir zehn Stoffe hinlegen würden, deren Geschichte ich nicht kenne und die unterschiedliche Texturen haben, könnte ich die mit Musik beschreiben. Für einen leichteren Stoff würde ich aber nicht automatisch helle, leicht klingende Töne wählen, sondern das, was ich intuitiv mit dem Stoff assoziiere, in Musik übersetzen. Das könnte auch ein ganz dunkler Klang sein. Für einen gemusterten Stoff würde ich versuchen, Töne übereinanderzuschichten.

ZEITmagazin: Ihr Projekt haben Sie We Are We genannt, "Wir sind wir". Es war zuerst als Performance in der National Gallery in Singapur erlebbar: Sechs Stunden lang trugen Sie das Kleid und spielten dazu eine Geigenimprovisation. Wie kam es zu dem Projekt?

Paul: Vorigen November beauftragte mich die National Gallery mit einer Performance. Ich flog nach Singapur, um dort zu recherchieren. Eine Woche lang sprach ich in Museen, auf den Straßen und in Cafés mit Passanten – bis ich über eine besondere Geschichte stolperte. In den Vierziger- und Fünfzigerjahren kamen chinesische Frauen nach Singapur, um dort zu arbeiten. Sie fanden sich zu Schwesternschaften zusammen und schworen sich gegenseitig, niemals zu heiraten und sich nicht zu prostituieren. Stattdessen arbeiteten sie auf dem Bau. Sie trugen rote Kopftücher, damit man sie auf den Baustellen besser sehen konnte. Ganz viel von dem, was man heute in Singapur sieht, vor allem in Chinatown, haben diese Frauen mit aufgebaut. Dass die Stadt so stark von ihnen geprägt wurde, spürt man aber gar nicht mehr. Architektonisch ist die Stadt moderner als jede westliche Metropole. Es gibt gigantische, unterirdische Shoppingmalls, durch die man einen großen Teil der Stadt durchqueren könnte. Meine erste Idee war, für meine Performance diese chinesischen Einwanderinnen zu finden, einige von ihnen leben nämlich noch. Schließlich hat mich die Geschichte dieser Immigrantinnen aber dazu inspiriert, meine eigene Geschichte zu erschaffen. Als Medium wählte ich dafür Stoff.

ZEITmagazin: Wie erzählt man Geschichten mit Stoff?

Paul: Meine Idee war, ein Patchwork aus den Geschichten von Frauen zu erschaffen, die ich bewundere. Dafür bat ich diese Frauen um Stücke von Stoffen, die in ihrem Leben eine besondere Rolle gespielt haben. Die Patchworktechnik, nach der ich das Kleid gefertigt habe, kommt aus Japan und heißt Boro: Mangels großer Stoffmengen nähten japanische Arbeiter ihre Kleidung früher aus verschiedenen Tuchresten zusammen. Nach meiner Recherche in Singapur flog ich nach Paris und entdeckte dort in einem japanischen Antiquitätengeschäft zufällig einen Boro-Kimono. Eigentlich findet man die gar nicht mehr. Für Japaner ist das Lumpenkleidung, nichts, was man konservieren müsste. Ich kaufte den Boro-Kimono, um ihn anstelle eines Schnittmusters als Unterlage für das Kleid zu verwenden.

ZEITmagazin: Das Kleid wurde nicht gesäumt oder versäubert, man sieht die von Hand gemachten Stiche. War das Absicht?

Paul: Ja. Ich wollte, dass man sieht, hier wurde etwas aus dem Leben dieser Frauen herausgetrennt und zusammengebracht.

Der Blumenstoff stammt von der französischen Künstlerin Sophie Calle, die für Ayumi Paul schon als Teenager ein Vorbild war. © Bastian Achard

ZEITmagazin: Hat Ihnen die Handarbeit Spaß gemacht?

Paul: Ich hatte geschwollene Finger!

ZEITmagazin: Nicht alle Frauen haben Stoffe von Kleidern beigetragen. Welche Geschichte steckt etwa hinter dem gehäkelten Kaffeeuntersetzer auf der Vorderseite des Kleides?

Paul: Der ist von der israelischen Theaterregisseurin Ofira Henig. Ofira ist eine Friedensaktivistin im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern und setzt sich gegen die Besatzung palästinensischer Gebiete ein. Sie hat immer wieder viel riskiert, nicht nur in ihren künstlerischen Arbeiten, auch in ihren öffentlichen Statements. Ofira hat mir erzählt, dass für sie der erste Kaffee des Tages darüber entscheidet, wie der Tag wird. Ich stelle mir seitdem vor, wie sie sich morgens ihren ersten Kaffee macht und sich damit für den Tag wappnet.

ZEITmagazin: Und der weiße Seidenstoff, von wem ist der?

Paul: Der stammt vom Hochzeitskleid der Künstlerin Oda Jaune, mit der ich befreundet bin.

ZEITmagazin: Warum wollte sie für Ihr Projekt ausgerechnet ihr Hochzeitskleid opfern?

Paul: Ihr Mann Jörg Immendorff ist sieben Jahre nach der Hochzeit gestorben. Sie wollte etwas, das sehr wertvoll für sie ist, mit mir für das Projekt teilen und dadurch auf eine neue Reise schicken. Ich bin eigens zu ihr nach Paris gereist, wir haben dort das Kleid ausgepackt und geradezu zeremoniell das Stück Stoff herausgeschnitten.

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