Harald Martenstein Über das Töten von Wespen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 36/2018

Ich bin bekanntlich für Tierschutz und kann in dieser Frage sogar ein bisschen radikal werden, obwohl’s zum Veganer bei mir nicht reicht. Die Jagd auf Wildschweine finde ich okay. Wenn ich endlich Diktator bin, werden die Vorschriften für Nutztierhalter und Schlachthöfe knallhart, und Fleisch wird so teuer, dass der Verbrauch von ganz allein sinkt.

Aber bei allem, was ich im Grundsatz gut finde, gibt es einen Punkt, an dem ich aussteige. Ich habe gelesen, dass man Wespen nicht töten darf, dies gilt nicht nur für die geschützten Arten, sondern auch für die ganz normale Standardwespe. Man darf laut Tierschutzgesetz überhaupt kein "wild lebendes Tier" töten, außer mit "triftigem Grund", demnach müsste dies auch für Schnaken gelten. Kakerlaken sind wohl eher Haustiere, da kenne ich die Rechtslage nicht. Ein "triftiger Grund" liegt zum Beispiel vor, wenn die Wespe Anstalten macht zu stechen. Mir fiel ein, dass ich öfter mal im Biergarten Wespen in mein Weißbierglas gelockt und ertränkt habe, weil die mir durch ihr aggressives Auftreten jede Freude am Biergartendasein vergällt haben. Mir kam das triftig vor. Sicher zu Unrecht, ich war jung.

Für das Töten von Standardwespen gibt es angeblich – laut BildBußgelder, die von Bundesland zu Bundesland stark variieren. In Berlin seien es 5000 Euro, in Brandenburg 13.000, Spitzenreiter sei Nordrhein-Westfalen mit 50.000 Euro. Falls dies stimmt, handelt es sich um ein Festival des gelebten Föderalismus und um eine ziemliche Diskriminierung der Berliner Wespe, deren Leben nur ein Zehntel des Lebens einer Essener Wespe wert ist.

Bild brachte auch ein Interview mit dem "Rechtsexperten Dr. Otto Bretzinger". Rechtsexperte, was ist das nun wieder? Otto Bretzinger ist Jurist und hat unter anderem den Ratgeber Richtig vererben geschrieben. Er sagt, dass seines Wissens noch nie ein derartiges Bußgeld verhängt wurde. Niemals. Die Vorstellung, dass in den Biergärten die Polizei auftaucht und in die Weißbiergläser schaut, ist ja auch unrealistisch. Recht haben und recht bekommen ist nicht das Gleiche, das gilt auch für Wespen.

Andere Quellen behaupten, das Gesetz gelte nur für Wespenvölker, nicht für Individuen. Ich muss dazu sagen, dass ich gegen völkisches Denken bin und für den Individualismus, auch und gerade bei Wespen. Der Gedanke, dass Schnaken sich vor mir schützen könnten, indem sie Staaten gründen, ist mir zuwider. Zu dem völkischen Aspekt kam auch eine Naturschützerin zu Wort, Dr. Melanie von Orlow. Ich musste an den Vampirjäger Dr. Abraham van Helsing denken, der mit den Wespen sicher kurzen Prozess gemacht hätte, Pfahl durchs Herz, fertig. Dr. von Orlow warnt vor Vorverurteilungen, die wenigsten Wespenarten stechen tatsächlich. Wenn man ein Wespennest an der Dachgaube findet, laute die wichtigste Regel: "Handeln Sie nie auf eigene Faust." Dr. von Orlow ist, was ihre Einstellung betrifft, tatsächlich das exakte Gegenteil des Dr. van Helsing.

In einer Umfrage haben nur neun Prozent der gegenwärtigen Wespenrechtslage zugestimmt, so wie Bild sie schilderte. 64 Prozent nennen so einen Wespenschutz "völlig übertrieben". Ich als notorischer Kompromissler war bei den 18 Prozent, die sagen: "Die Geldbußen sind zu hoch." Eine Bauchentscheidung. Neun Prozent aber fordern sogar noch höhere Strafen für Wespenmörder, womöglich Gefängnis mit Anti-Gewalt-Training. Das Land ist in dieser Frage gespalten, wie in so vielen. Eine Reform, die Akzeptanz findet, scheint auch in diesem Fall nicht auf der politischen Agenda zu stehen.

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Psst, die Wespenpolizei (in Gestalt zweier älterer gestrenger Damen - wie Hanni und Nanni an der Tür der taz) ist am anderen Ende des Biergartens und waltet ihres hautflüglerfreundlichen Amtes … deshalb ganz leise, lieber Autor: Bei einem Ihrer Sätze habe ich sadistisch gegluckst – Sie wissen schon: „Ich muss dazu sagen, dass ich gegen völkisches Denken bin und für den Individualismus, auch und gerade bei Wespen“. Ha, Sie sind ein praktizierender Hedonist à la Marquis Donatien Alphonse Francois, eben … genau jener, der „eine hedonistische Theorie des individuell Guten, die er mit dem Amoralismus verknüpfte“, vertrat (Wiki s.v. Hedonismus). Und wissen Sie, wer das noch ist – gerade jetzt im Spätsommer?! Jene zuvor schuftenden, weil Proteine schürfenden Mitglieder des Freibeuterstaates an Ihrer Dachgaube – genau, die Arbeitswespen sind jetzt arbeitslos, die Larven gefüttert und geschlüpft. Und nun dürfen diese hungrigen Tierchen kurz vor ihrem Ableben an sich denken und an ihre grenzenlose Gier auf alles Süß-Klebrige.

Hemmungslose Hedonistinnen, die sich selbst verwirklichen wollen … völkisches Denken ist ihnen jetzt fremd. Sie und Sie, auf Du und Du mit dem Freudenclou – ganz im Sinne der einschlägigen Ode, Appell an die Freudentrunkenheit „Freude trinken alle Wesen an den Brüsten der Natur. Alle Guten, alle Bösen folgen ihrer Rosenspur“. Das wiederum dürfen Sie wörtlich verstehen: „Die Bösen“ fallen in Ihr Bier oder über Ihren Kuchen her – oder stechen hysterisiert ob dieses Taumels Sie kurz mal an, was Sie als individualisierender Hedonist nur übel nehmen können. Die Gabel in die quetschende Hand, den Deckel aufs Glas -… uups, da sind sie schon wieder, die überinformierten WespenfreundInnen! „Dürfen wir Sie bitte ersuchen, uns die um ihr Leben schwimmende Vespa germanica mitsamt Glas zu übereignen?!“ Kein Witz – Realität!

Zugegeben - hier hat sich der Autor geirrt, nämlich bei der Wahl der richtigen Ruhr-Metropole. Selbstverständlich hätte er statt Essen (jaja, was Krupp in Essen ist, bin ich im Trinken) die Hochburg aller Schwarzgelben angeben müssen, Dortmund. Gegen das elbslawische Kiez-Schlammloch Berlin ist ein ehemaliger Königshof und freie Reichsstadt ungleich wespenfreundlicher zu nennen. Schwarz-Gelb signalisiert außerdem die Farben des Alten Reichs - immerhin ist die Wespe etymologisch und vom aggressiven Freßverhalten her bei Römern, Franken, Skandinaviern und Slawen "semper eadem" (nur der krachlederne Altbaier nennt sie "der Weps"). Somit dürfte es sich bei den radikalen WespenfreundInnen um verkappte MonarchistInnen handeln - wer einer schwarz-gelben Walkürenritt-Truppe zuwider handelt, begeht also Majestätsbeleidigung, die abgeschafft zu haben nur zugereisten UckermärkerInnen einfallen konnte.