© Lukas R. Mayer

Künstliche Intelligenz "Maschinen ist alles egal"

Werden wir bald von Computern regiert? Viele haben Angst, dass eine künstliche Intelligenz die Weltherrschaft übernehmen könnte. Die britische Wissenschaftlerin Margaret Boden forscht seit Jahrzehnten auf diesem Feld und sagt, dass jedes Kind intelligenter als ein Rechner ist. Interview:
Aus der Serie: Stefan Kleins Wissenschaftsgespräche ZEITmagazin Nr. 36/2018

ZEITmagazin: Frau Boden, Sie sind eigentlich Ärztin. Wie kamen Sie zur künstlichen Intelligenz?

© Alexander Gehring

Margaret Boden: Schon als Mädchen wollte ich wissen, wie Geist und Körper zusammenhängen, was psychische Krankheiten sind und wie sie entstehen. Also studierte ich in Cambridge Medizin, um Psychiaterin zu werden. Vor meiner klinischen Ausbildung sollte ich ein Jahr in die Neurophysiologie gehen. Dort aber hätte ich Tierversuche mit Katzen anstellen müssen, das wollte ich nicht. Da entschied ich mich – gegen den Rat aller – für einen Ausflug in die Philosophie. Dort lehrte eine Exzentrikerin, die mich faszinierte: Margaret Masterman hatte ihr eigenes Institut für Sprachverarbeitung in Computern gegründet. Es war ein kleines Ziegelhaus, dessen Türen mit Buddha-Darstellungen verziert waren. Das meiste Geld kam vom amerikanischen Militär. Masterman arbeitete an der maschinellen Übersetzung von Texten. Damals, 1957, gab es nicht einmal eine Handvoll Menschen, die das versuchten. Eine ihrer Doktorandinnen erfand das Prinzip, auf dem Google und alle anderen Suchmaschinen beruhen.

ZEITmagazin: Und wie befriedigte das Ihr Interesse am menschlichen Geist?

Boden: Masterman arbeitete an künstlicher Intelligenz, die wir aber noch nicht so nannten. Und ich wollte ja den freien Willen und psychische Krankheiten verstehen. Anfangs war mir der Zusammenhang zwischen beidem auch noch nicht klar. Dann aber stieß ich während eines Aufenthalts an der Harvard-Universität in einem Antiquariat auf ein Buch. Sein rostbrauner Umschlag stach mir ins Auge, wegen dieser abscheulichen Farbe nahm ich es zur Hand. Dieses Buch veränderte in fünf Minuten mein Leben.

ZEITmagazin: Welches Buch war das?

Boden: Es hieß Plans and the Structure of Behavior.

ZEITmagazin: "Pläne und Strukturen des Verhaltens".

Boden: Zwei amerikanische Kognitionspsychologen und ein Hirnforscher erklärten darin, warum die Logik von Computerprogrammen nicht nur auf menschliche Sprache anwendbar ist – sondern überhaupt auf den menschlichen Geist. Während ich noch im Buchladen blätterte, ging mir auf: Mit dieser Logik kann man unser Denken, unsere Kreativität, unsere Persönlichkeit, selbst psychische Krankheiten verstehen. Und davon bin ich heute noch überzeugt.

ZEITmagazin: Warum sollte künstliche Intelligenz uns helfen, uns selbst zu verstehen?

Boden: Weil der Geist nicht dasselbe ist wie das Gehirn. Systeme können sehr unterschiedlich sein, trotzdem verarbeiten sie Information auf die gleiche Weise. Also liegt eine Vermutung nahe: Was in Ihrem Kopf vorgeht, wenn Sie beispielsweise ein Ei sehen, muss sich in einem Computer ganz ähnlich abspielen, wenn er ein Ei erkennt. Wenn dem so ist, dann können wir die Informationsverarbeitung im Gehirn untersuchen, indem wir Computern dieselben Aufgaben stellen.

ZEITmagazin: Wann haben Sie zum ersten Mal programmiert?

Boden: 1962, in Harvard. Da konnten die meisten Menschen "Computer" noch nicht einmal buchstabieren.

ZEITmagazin: Die Computer waren nach heutigem Maßstab überaus primitiv. Großrechner hatten um die 32 Kilobyte Arbeitsspeicher, hunderttausendmal weniger als ein Smartphone. Woher nahmen Sie Ihren Glauben, diese Maschinen würden einmal so mächtig, dass wir von ihnen etwas über den menschlichen Verstand lernen können?

Der Illustrator Lukas R. Mayer entwarf für uns berühmte Roboter der Filmgeschichte als dreidimensionale Renderings – am Computer erstellte räumliche Illustrationen. Hier Marvin, der depressive Roboter aus "Per Anhalter durch die Galaxis". Oben: K.I.T.T., das sprechende Auto aus der Serie "Knight Rider", in der auch David Hasselhoff mitspielte. © Lukas R. Mayer

Boden: Ich habe nie daran gezweifelt. Dass Computer sehr bedeutsam werden würden, war mir von Anfang an klar. Deswegen nahm ich meine Kinder von Anfang an ins Institut mit. Sie sollten mit Rechnern aufwachsen, mit ihnen spielen und merken, dass an den Maschinen nichts unheimlich ist. Dass allerdings Computer allgegenwärtig werden, wie heute, konnte ich mir nicht vorstellen. Wir malten uns eine Zukunft aus, in der jede Bibliothek ihr öffentliches Terminal hat. Erstaunlich fand ich auch den Erfolg der künstlichen neuronalen Netze.

ZEITmagazin: Das sind lernfähige Programme, die nach dem Muster eines Gehirns funktionieren. Sie arbeiten nicht ein Detailproblem nach dem anderen in einer logischen Reihenfolge ab, sondern kommen zur Lösung, indem sie übergeordnete Muster erkennen. Wir haben heute ständig mit ihnen zu tun, ohne sie zu bemerken. Künstliche neuronale Netze erkennen unsere Stimme im Handy, stecken in jeder Bilderkennung, entscheiden, welche Posts Menschen auf Facebook sehen.

Boden: Dabei stammt die Idee eines Computers, der wie das Gehirn assoziativ denkt, aus den 1940er-Jahren. Aber sie konnte erst jetzt Wirklichkeit werden, die Rechner waren damals zu leistungsschwach.

ZEITmagazin: Viele Zeitgenossen sehen diese Fortschritte mit Sorge. Sie ängstigen sich vor einer Welt, in der Maschinen die Menschen beherrschen. Der Erfinder und Futurologe Ray Kurzweil, heute Direktor der technischen Entwicklung bei Google, behauptet sogar, eine übermenschliche künstliche Intelligenz sei nahe. Um das Jahr 2045 werde sie Wirklichkeit. Glauben Sie ihm?

Boden: Ich habe ihn gefragt, ob er eigentlich selbst glaubt, was er schreibt.

ZEITmagazin: Und?

Boden: Er glaubt es wirklich.

ZEITmagazin: Kann man Kurzweil als einen Spinner abtun?

Boden: Nein. Er hat für den Fortschritt der Technik wirklich Außerordentliches geleistet. Ich gebrauche das Wort "Genie" wirklich sehr selten. Bei Kurzweil wäre ich dazu bereit. Vielleicht gibt es auch irgendwann eine uns überlegene künstliche Intelligenz. Aber ganz bestimmt nicht in diesem Jahrhundert. Die Dinge sind viel komplizierter, als die Leute sich das so vorstellen. Kurzweils Voraussage ist einfach verrückt.

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