© Stefan Nimmersgern

Adele Neuhauser "Meine Inkonsequenz war damals meine Rettung"

Als Kind und Jugendliche versuchte Adele Neuhauser, sich das Leben zu nehmen. Dann kam sie an einen Wendepunkt. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 37/2018

ZEITmagazin: Frau Neuhauser, warum haben Sie eine Autobiografie geschrieben?

Adele Neuhauser: Es war nicht meine Idee, sie kam von mehreren Verlagen. Schreiben war für mich schon immer eine Sehnsucht, aber nicht in Bezug auf mein eigenes Leben. Ich habe die Herausforderung dann angenommen. Für mich war es eine Art Therapie. Ich wollte lange Zeit nicht ich sein, wollte immer weg von mir – und plötzlich ging es nur noch um mich.

ZEITmagazin: Inwiefern war es für Sie eine Therapie?

Neuhauser: Als ich neun Jahre alt war, haben sich meine Eltern getrennt, und mit zehn Jahren versuchte ich mich das erste Mal umzubringen.

ZEITmagazin: Auch das beschreiben Sie in Ihrem Buch. Was ging damals in Ihnen vor?

Neuhauser: Ich hatte das Gefühl, ich hätte Schuld auf mich geladen, als meine Eltern sich trennten. Wir Kinder blieben beim Vater, und ich dachte, ich tue meiner Mutter damit sehr weh. Ich war in einem extremen Gewissenskonflikt. Ich hatte das Gefühl, wenn ich nicht mehr da bin, löst sich alles auf.

ZEITmagazin: Was taten Sie?

Neuhauser: An jenem Tag bin ich nach der Schule nach Hause gegangen und habe mir die Pulsadern aufgeschnitten. Doch dann klingelte es, und ich machte auf. Meine Inkonsequenz war damals meine Rettung. Eine Freundin stand vor der Tür. Sie rief sofort meinen Vater an. Es dauerte aber nicht lange, bis ich den nächsten Suizidversuch unternommen habe. Ich bin stur.

ZEITmagazin: Sie sind stur, aber auch inkonsequent?

Neuhauser: Ich hatte damals ernste Probleme, wollte das aber partout niemandem zeigen, weil alles schon schwierig genug war in der Familie. Ich habe sechsmal versucht, mich umzubringen. Im Rückblick waren es mehr Selbstverletzungen. Es ging mir darum, wie weit ich über diese eine Grenze gehe. So spiele ich auch Theater, und so bin ich vor der Kamera. Ich weiß, das klingt überspitzt, aber ich empfinde mich als eine Art moderner Messias, der das Leid auf sich nimmt und durchlebt, um sichtbar zu machen, was passiert. Dazu bin ich da.

ZEITmagazin: Warum gehen Sie über Ihre Grenzen?

Neuhauser: Das kann ich nicht genau beantworten, es ist mir jedenfalls ein inneres Bedürfnis, so zu leben und zu handeln. Würde ich nicht an meine und manchmal auch über meine Grenzen gehen, hätte ich das Gefühl, nicht alles getan zu haben, in meiner Arbeit nicht alles ausgeschöpft zu haben.

ZEITmagazin: Wann endete die Phase der permanenten Selbstverletzung?

Neuhauser: Obwohl ich bei meinem letzten Suizidversuch 21 war, kam der eigentliche Wendepunkt schon mit der Pubertät. Da habe ich gemerkt, dass ich Menschen zum Lachen bringen kann und so ein bisschen mehr Liebe erfahre. Das war der Ausstieg aus dieser ganz tiefen, verwundenden Depression. Ich hatte immer das Gefühl gehabt, nicht zu genügen für diese Welt, war mein eigener Feind gewesen. Ich habe dann gemerkt: Das muss ich jetzt ablegen.

ZEITmagazin: Wie gelang Ihnen das?

Neuhauser: Durch meine Sehnsucht, Schauspielerin zu werden, habe ich mich mit anderen Biografien auseinandergesetzt. So habe ich gelernt, dass ich nicht die Einzige mit einer selbstzerstörerischen Energie war. Inzwischen sehe ich es wie in der Fotografie – es gibt das positive und das negative Bild. Ich habe mich immer nur negativ gesehen. Ich musste erst lernen, mich auch positiv zu sehen.

ZEITmagazin: Sie sind erneut mit dem Tod konfrontiert worden, als innerhalb kurzer Zeit Ihre Eltern und Ihr Bruder starben.

Neuhauser: Ich wusste natürlich, irgendwann werden meine Eltern sterben, aber als es dann meinen Bruder traf, war das für mich ein unglaublicher Schlag. Seine Krankheit – er hatte Leukämie – war hinterhältig, und ich wurde in meinem Stolz gepackt, weil ich ihm noch Stammzellen spenden konnte und dennoch erkennen musste: Es hat nicht geholfen.

ZEITmagazin: Was ist Ihnen heute klar, und was ist anders als früher?

Neuhauser: Ich weiß, wer ich bin und worauf es mir im Leben ankommt. Ich will mir treu und ein guter Mensch sein, und das zu wissen, ist auch eine Rettung. Ich kann mich auf mich verlassen. Ich weiß, dass ich sehr viel ertragen und durchhalten kann, aber das muss jetzt nicht mehr sein. Ich muss mich nicht mehr quälen wie früher. Ein Mensch braucht nicht viel, man ist schon so umarmt vom Leben, und das tut gut.

ZEITmagazin: Ist Ihre Rolle als Tatort- Kommissarin, die auch eine Grenzgängerin ist, eigentlich Zufall?

Neuhauser: Nein, sie ist mir auf den Leib geschrieben. Bibi Fellner ist angekratzt und verwundet. Die Zuschauer lieben Menschen, die ihre Schwächen spürbar machen und trotzdem die Kraft haben, weiterzumachen.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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