Familienessen "Kauf einfach für Tomatensoße ein"

© Aline Zalko
Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 37/2018

Ich treffe mich regelmäßig mit Luna in ihrer WG-Küche, und wir kochen gemeinsam. Ich mag das sehr. Gemeinsam kochen kann unter Umständen viel entspannter sein, als gemeinsam zu essen. Ich weiß, dass gemeinsame Mahlzeiten in der Familie total wichtig sind. Kinder müssen frische, gesunde Lebensmittel und ihre Verarbeitung kennenlernen. Und beim Essen kommen die Familienmitglieder zusammen. Ich sehe dauernd in der Fernsehwerbung fröhlich beisammensitzende Familien, die lachend die Suppenkelle kreisen lassen. Aber ich schaff das nie, so entspannt zu sein. Wie machen die das?

Ich finde es oft schwierig, für Kinder zu kochen. Kinder essen nicht alles, was man ihnen vorsetzt. Im Gegenteil: Sie essen nur manche Dinge und auch die nicht immer. Neulich wollte ich einfach Nudeln mit Tomatensoße kochen. Ich dachte, Nudeln mit Tomatensoße sei ein Gericht, das niemand schlecht finden kann. Ich war gerade dabei, die Soße zu rühren, als Greta sich an den Topf schob und meinte, sie möge eigentlich keine glasig angedünsteten Zwiebeln, ob ich denn bitte die Soße durchpürieren könne. Und Lotta meinte, sie esse leider gerade keine Nudeln, also echt gar keine. Ob ich ihr bitte ein Omelett machen könne. Zur Patchwork-Familie hat sich in Deutschland längst die Patchwork-Diät-Familie gesellt. Wenn man für jedes Familienmitglied das passende Tellergericht haben will, ist man schnell dabei, statt eines Abendessens ein warmes Büffet zu produzieren. Es ist auch nicht einfach, alles gleichzeitig auf den Tisch zu bekommen. Und es ist meist kalt, bis man es geschafft hat, das letzte Kind an den Tisch zu rufen. Und dann sitze ich selbst muffig am Tisch und verteile Ermahnungen ("He! Nicht die Haare ins Essen hängen lassen!"), anstatt heiter die Kelle kreisen zu lassen.

Luna sollte beim Essen eigentlich die meisten Probleme machen, schließlich ist sie Veganerin. Aber dem ist nicht so. Veganer haben eigentlich ein sehr entspanntes Verhältnis zum Essen. Wenn Luna mitisst, dann findet sie immer eine Beilage, die vegan genug ist.

Wenn Luna und ich zusammen kochen, ist alles entspannt. Man unterhält sich dabei, jeder hat etwas zu tun – und am Schluss kommt dabei noch etwas Gemeinsames heraus, das man essen kann. Ich lerne Gerichte kennen, von denen ich noch nie zuvor auch nur gehört hatte. Ich wusste auch nicht, dass man aus Räuchertofu vegane Leberkässemmeln machen kann, die dann auch nach Leberkässemmeln schmecken.

Es gibt nur eine Schwierigkeit: Luna bestimmt, was in den Topf kommt – und ich kaufe ein. Das ist manchmal nicht so einfach. Ich habe keine Ahnung, wo ich Agavendicksaft auftreiben soll, und außerdem ist der Supermarkt um die Ecke nicht gut mit Hafermilch ausgestattet.

Letztens wollten wir Pilze mit Polenta kochen. Luna schickte mir die Zutatenliste. Im Supermarkt fand ich die benötigten getrockneten Cranberries. Aber ich bekam keine Polenta. Ich fragte eine Angestellte, sie schaute mich an, als hätte ich nach gehäuteten Schafsköpfen gefragt. Ich schickte meiner Tochter eine verzweifelte SMS. Sie antwortete, ich solle mal im Reformhaus fragen. "Ansonsten kauf einfach für Tomatensoße ein, die schmeckt bei dir immer so lecker." Wie gesagt, ich lobe mir die unkomplizierten Veganer.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

"Ich habe keine Ahnung, wo ich Agavendicksaft auftreiben soll"

Lassen Sie es sein, das ist Glucose-Fructose-Sirup mit Natürlichkeitsflair, nicht besser als Honig. Sagen Sie Ihrer Tochter Sie kann auch gleich einfach Zucker benutzen, vorzugsweise Bio Zuckerrübenzucker aus Deutschland. Damit tut sie mehr für ihre Gesundheit und die Umwelt als mit Agavendicksaft, der i.d.R. aus Mittelamerika hergekarrt werden muss.