© Illustration: Max Guther

Finanzkrise Der Tag, an dem die Welt fast unterging

Vor zehn Jahren, am 15. September 2008, ging die US-Bank Lehman Brothers pleite – die Finanzkrise begann. Hier erzählen Banker und Politiker, wie sie diese Tage erlebt haben. Von
ZEITmagazin Nr. 37/2018

Als am 15. September 2008 die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers pleiteging und 690 Milliarden US-Dollar an Firmenwert weitgehend vernichtete, erzitterte die Welt. Es war nicht nur die größte Firmenpleite der Geschichte, sondern der Beginn einer Wirtschaftskrise von beispiellosem Ausmaß. Rund um den Globus mussten Banken von Regierungen vor dem Kollaps gerettet werden. In allen Industrieländern brach die Wirtschaft ein. Und überall fragten die Bürger: Warum?

Hier kommen Akteure und Augenzeugen zu Wort, von denen einige damals in den Banken und in der Politik eine wichtige Rolle spielten. Sie erzählen, was damals geschah, und stellen sich eine Frage, auf die es bis heute keine klare Antwort gibt: Wer ist eigentlich schuld gewesen?

Andrew Gowers: Ich bin 2006 als Kommunikationschef zu Lehman gekommen, zwei Jahre vor dem Crash. Es war eine irre Zeit. Absolute Karnevalsstimmung. Das Geschäft lief wie verrückt, alle Investmentbanken machten immer neue Rekordgewinne. Aus heutiger Sicht ist es absurd: Niemand verstand die Papiere, mit denen die Banken handelten, etwa Kreditausfall-Swaps. Aber das machte nichts, weil jeder das Gefühl hatte, eine Art magisches Wachstumselixier gefunden zu haben. Man hatte gar nicht das Gefühl, etwas Schlimmes anzurichten.

Karl Dannenbaum: Lehman wuchs damals sehr, sehr schnell, auch in Deutschland, wo ich der Chef war. Das Drama begann, als in New York die ersten Zweifel aufkamen, aber niemand auf die Zweifler hörte. Es gab so eine Art Vibrieren im Gebälk. Ich weiß, dass damals in New York einige Kollegen auf der Vorstandsebene zu unserem CEO Dick Fuld gegangen sind und gesagt haben: "Das geht nicht gut. Wir müssen langsamer machen. Wir müssen aufpassen." Aber denen hat Fuld gesagt: Entweder ihr macht mit, oder ihr geht. Und einige dieser Leute sind dann gegangen. Fuld hat noch mal aufs Gaspedal getreten.

Peer Steinbrück: Ich kannte als Finanzminister den CEO von Lehman, Mr. Fuld. Und auch all die anderen Herzöge der Wall Street, wie ich sie nannte. Weil ich, wann immer ich in die USA flog, meist auch Station in New York machte und man sich dort zu Gesprächen traf. Diese Herren fühlten sich als "Masters of the Universe". Und so sind sie auch aufgetreten.

Karl Dannenbaum: Fuld hat als Postbursche bei Lehman angefangen. Seine ganze Karriere, sein ganzes Streben als CEO war von einer fixen Idee geprägt: Lehman sollte endlich wieder den großen Konkurrenten Goldman Sachs einholen. Lehman war schon mal besser und größer gewesen als Goldman, und so sollte es wieder sein. Deswegen ist Fuld besonders aggressiv vorgegangen. Und deswegen hat er auch in der Zeit, in der die ersten Zweifel aufkamen, immer weitergemacht.

Andrew Gowers: Fuld war ein Mann mit einer fast unerträglich starken Persönlichkeit. Er war das Paradebeispiel für einen allmächtigen Chef. Und er pflegte eine Art der Kommunikation, die Furcht einflößend war. Ich erinnere mich an eine Rede, die er vor Mitarbeitern hielt, bei der er seinen Gegnern im Markt drohte: "Wenn ich einen von ihnen finde, werde ich ihm das Herz herausreißen und es vor seinen Augen essen, während er noch lebt." So sprach Dick Fuld.

Karl Dannenbaum: Wenn Fuld nur ein bisschen vom Gas gegangen wäre, wenn er weniger Feinde gehabt hätte und bessere Verbindungen in die Politik – dann wäre Lehman Brothers heute noch da.

Andrew Gowers: Fuld umgab sich mit Jasagern und mit alten Freunden, die nicht allzu viel vom modernen Bankwesen verstanden. Es war wie an einem mittelalterlichen Hof: Unangenehme Wahrheiten wurden vom König ferngehalten. Niemand widersprach. Und dann gab es noch Fulds Stellvertreter, Joe Gregory. Er hatte die operative Führung. Und sein Job war es, die Bank nach Fulds Willen zurechtzubiegen. Er war der erbarmungslose Erfüllungsgehilfe. Nach meinem ersten Meeting mit ihm schickte mir ein Kollege danach eine Mail: "Du hast gerade Darth Vader getroffen." Das war sein Ruf.

Andrew Gowers, 61 (links), war Kommunikationschef bei Lehman Brothers. Er verließ die Bank drei Tage vor dem Crash. Dick Fuld, 72 (Mitte), war der letzte Chef von Lehman Brothers, wegen seiner brachialen Methoden wurde er auch "Gorilla der Wall Street" genannt. Lenny Fischer, 55 (rechts), war Investmentbanker bei der Dresdner Bank und leitete später den belgischen Finanzinvestor RHJ International. © foraus-Forum; Gary Fabiano/Sipa Press/ddp; Sebastian Derungs /Reuters

Rainer Voss: Ich habe so eine Theorie über Banker, die wahrscheinlich viele Leute, die in diesem Beruf arbeiten, furchtbar treffen wird. Ich glaube, und ich nehme mich da selbst nicht aus, es ist ein Beruf, der schwache Persönlichkeiten anzieht. Der Beruf funktioniert wie ein Exoskelett, wie diese künstlichen Stützen, dank derer Querschnittsgelähmte wieder gehen können: Man erfährt eine große persönliche Aufwertung. Man fühlt sich plötzlich als "Master of the Universe" und wird auch so gesehen.

Lenny Fischer: Auslöser der Krise war ja der amerikanische Immobilienmarkt. Auch Leute, die eigentlich nicht kreditwürdig waren, haben ihr neues Haus oder ihr neues Apartment trotzdem zu 100 Prozent über Kredite finanzieren können. Die Banken nährten die Illusion, dass sich jeder ein Haus kaufen kann und dass die Häuserpreise immer weiter steigen werden. Daraus wurde ein Massenphänomen. Und dann war es einfach so, dass die Banken diese hochriskanten Kredite gebündelt, vermischt und neu zusammengesetzt haben. Und die Computer in den Banken haben ausgerechnet, dass die Ausfallwahrscheinlichkeit dieser gebündelten und neu zusammengesetzten Kredite faktisch gegen null gehe. Man hat wirklich geglaubt, die alchemistische Formel für ewigen Wohlstand gefunden zu haben.

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